Vorabveröffentlichung
Im Editorial zur ersten Ausgabe des neuen Jahres distanziert sich der Schriftleiter der katholischen Zeitschrift Theologisches von antisemitischen Strömungen im gegenwärtigen Traditionalismus:
Es ist eine besondere Freude in der ersten Nummer des neuen Jahres wieder einen Beitrag unseres langjährigen Mitarbeiters P. Groppe, Priester der Gesellschaft Jesu, bringen zu können.
Zugleich möchten wir dies zum Anlass nehmen auf ein Buch hinzuweisen, das vor einigen Wochen erschienen ist und den Vater unseres Autors würdigt: Theodor Groppe Der schwarze General (Hess-Verlag 2008, ISBN 3873369095) - Über diesen Mann, der als Soldat und Katholik kompromisslos seinem Gewissen folgte, dafür seine militärische Karriere und die Freiheit einbüßte und nur durch mutige Helfer das Kriegsende überlebte, ist kaum jemand informiert. Dabei nötigt die Beschäftigung mit dem Leben des Generals, mit seinem unbeirrbaren Eintreten für das Recht jedes Menschen, für die vom Christentum geprägten Werte des Abendlandes, dem Betrachter Erstaunen und Respekt ab. Angesichts der Auseinandersetzungen Groppes mit den Nationalsozialisten ist kaum zu verstehen, warum es in Deutschland nicht schon längst zu Ehrungen offizieller Art gekommen ist. Seine deutlichen Stellungnahmen gegen die verkommenen Anweisungen eines Heinrich Himmler hätten ebenso Anlass hierzu gegeben wie seine unbeirrbare Haltung als Zeuge im Prozess gegen einen Nazigegner. Besonders spektakulär und kaum zu überschätzen ist sein Einsatz für verfolgte Juden im Jahr 1939. Es hat tatsächlich nicht viele Kommandeure gegeben, die Juden selbst mit Waffengewalt gegen die Verfolger in Schutz zu nehmen wagten.
Das neue Buch behandelt aber ein nur scheinbar abgeschlossenes Kapitel der Geschichte: Eine sich selbst als katholisch bezeichnende, aber wohl in perfidester Weise von bewusst gegen die katholische Kirche agierenden Kreisen betriebene Internetseite schreckte am 13. Januar 2009 tatsächlich nicht davor zurück, eine Rede eben jenes Heinrich Himmler zu publizieren, gegen den solch mutige Katholiken wie Groppe unter Einsatz ihres Lebens gekämpft haben. Dass die Internetseiten von Vereinigungen wie dem "Netzwerk katholischer Priester", der "Una Voce" oder "Sinfonia Sacra" diese Seite verlinken und damit Werbung dafür machen bzw. damit den Anschein erwecken, als würden sie sich indirekt auch zu dem dort verbreiteten faschistoiden, antisemitischen Gedankengut bekennen, ergänzt das Zerrbild, das progressistische Katholiken von den Traditionalisten gemeinhin kultivieren, auf passende Weise. Was würde wohl ein Dietrich von Hildebrand, der nicht nur Mitbegründer der Una Voce war, sondern auch vor den Nationalsozialisten ins Exil fliehen musste, dazu sagen?
Kurz darauf wurde ein suspendierter Bischof, der sich auf dem Weg der Aussöhnung mit Rom befindlichen Piusbruderschaft einer größeren Öffentlichkeit dadurch bekannt, dass er den Holocaust in einem Interview leugnete. Und das ohne dass sich die übrige Bruderschaft von den Peinlichkeiten eines ihrer Führer deutlich und unmissverständlich distanziert hätte. Die bezogenen Positionen waren freilich keine Überraschung: Bereits seit mehreren Jahren tritt der Geistliche mit Theorien zutage, die er sich vor allem aus den "Protokollen der Weisen von Zion" zusammengelesen hat, und sieht den Vatikan "unter Kontrolle des Satans" ...
Dass die sich gerne als besonders katholisch Gebenden, aber sich in Wirklichkeit in einem pathologisch anmutenden Sektenklima Suhlenden damit das Erbe nicht nur eines Theodor Groppe, sondern auch jenes der Enzyklika Mit brennender Sorge, einer hl. Edith Stein und eines heiligmäßigen Papstes wie Pius XII, den Pinchas Lapide den größten jemals lebenden Wohltäter des jüdischen Volkes nannte, beschmutzen und daran arbeiten, die langjährige und mühsame Versöhnung zwischen Juden und Christen zu beeinträchtigen, scheint ihnen nicht deutlich zu werden. Nicht zufällig sahen zahlreiche Kommentatoren des Interviews Williamsons, allen voran Kurienkardinal Kasper, hier schlicht Dummheit am Werk, die ja wie der Aquinate immer wieder betont - mit der Boshaftigkeit und Sünde eine enge Liaison lebt. Insofern soll das Erscheinen des Beitrags P. Groppes in diesem Heft auch ein klares Zeichen gegen jeden pseudo-katholischen Antisemitismus verstanden werden.
David Berger
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P. Lothar Groppe SJ
Antisemitismus darf nicht ohne Widerspruch bleiben
Beim Gedenken an die dunkle Nacht, die stellvertretend für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte stand, der die Berliner Bevölkerung sehr zum Mißfallen der damaligen Machthaber den Namen Reichskristallnacht gab, forderte Bundeskanzlerin Merkel, Antisemitismus dürfe nicht ohne Widerspruch bleiben.
Niemand kann die Verbrechen vom 9./10. November 1938 leugnen, die im Gegensatz zu den Vernichtungslagern außerhalb des Reichsgebietes in aller Öffentlichkeit erfolgten, und wesentlich dazu beitrugen, das deutsche Volk der Kollektivschuld zu zeihen. Jedoch bereits der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, sagte zu Recht, daß man nicht von Kollektivschuld sprechen könne. Er wählte den Begriff der Kollektivscham, der allerdings auch nicht widerspruchslos hingenommen wurde. Statt dessen schien der Begriff der Kollektivhaftung angemessener. Frau Merkel sagte laut Pressemitteilung: die Flammen, die aus den 1400 Synagogen in Deutschland in dieser Nacht schlugen, seien unübersehbar gewesen, und doch habe sich kein Proteststurm erhoben.
Nun dürften der Bundeskanzlerin deutlich überhöhte Zahlen vorgelegen haben. Der berüchtigte Reinhard Heydrich, damals Chef der Gestapo und Beauftragter für die Judenfrage, meldete am 11. November 1939, es seien 815 Geschäfte, 29 Warenhäuser und 171 Wohnhäuser in Brand gesteckt oder zerstört, 191 Synagogen angezündet oder demoliert, 20.000 Juden festgenommen, 36 getötet und 36 schwer verletzt worden. Am folgenden Tag korrigierte er bei der Konferenz mit Göring die Zahlen auf 35 Tote, 101 verbrannte Synagogen und 7500 Geschäfte. Der oberste Parteirichter Walter Buch sprach später von 91 Tötungen.
Wenn Frau
Merkel beklagte, daß sich kein Proteststurm erhoben
habe, spricht sie als Vertreterin einer Generation, der die
Gnade der späten Geburt zuteil wurde. Wer die Zeit
der braunen Diktatur miterlebt hat, weiß um die
Möglichkeit von Protesten gegen die braunen
Machthaber. Der inzwischen seliggesprochene Berliner Dompropst
Bernhard Lichtenberg betete am Abend des Pogroms auf der Kanzel
der Hedwigskathedrale: Lasset uns beten für die verfolgten
nichtarischen Christen und für die Juden. Was gestern war,
wissen wir, was morgen ist, wissen wir nicht, aber was heute
geschehen ist, das haben wir erlebt. Draußen brennt der Tempel -
das ist auch ein Gotteshaus.
Zum 40.
Jahrestag des 9. November 1938 brachte der Deutschlandfunk die
Sendung Als die Synagogen brannten - Christen während der
Reichskristallnacht 1938. In ihr schildert er
das heroische Verhalten einer Reihe von Christen zugunsten der
bedrängten und verfolgten Juden. So durchbrach ein ganzer
Kölner Nonnenkonvent mutig das von der SA abgesperrte
israelische Asyl, um Verwundete zu verbinden. Der Kölner
Domvikar und spätere Generalvikar Josef Teusch rettete aus einer
brennenden Synagoge eine Thorarolle.
Es ist
richtig, daß es keinen Aufruf oder ein gemeinsames Hirtenwort
der Bischöfe anläßlich der Ereignisse des 9. November gab. Nur
versprachen sich die Oberhirten von einem spektakulären Schritt
offenbar keinen Erfolg. Von Ausnahmen abgesehen, bevorzugten sie
den Weg stiller, unauffälliger Hilfe für die Verfolgten. Denken
wir an die Bonner Regierungspraxis hinsichtlich der Landsleute,
die dem SED-Regime den Rücken kehren wollten. So schrieb
Die Welt am 29.8.1988: Bonn erreicht
stille Lösung für Ausreisewillige.
Da der
Antisemitismus zu den Kernaussagen der Nazis gehörte, reagierten
die Bischöfe sehr bald auf die Nöte der Juden. 1935 errichtete
Bischof Konrad Graf von Preysing das Hilfswerk beim
Bischöflichen Ordinariat Berlin, das bis zu seiner Verhaftung
Dompropst Lichtenberg leitete. In Freiburg i.Br. baute Frau Dr.
Gertrud Luckner einen Helferkreis für Juden und andere Verfolgte
des Naziregimes in der Zentralstelle des Caritasverbandes auf.
Sie leitete ihn bis zu ihrer Deportation nach Ravensbrück.
In Wien organisierte der Jesuit P. Bichlmaier nach dem Anschluß eine Hilfsorganisation für die verfolgten katholischen Juden, die er mit Hilfe der Gräfin Kielmannsegg solange fortführte, bis er verhaftet und verbannt wurde. 1940 gründete Kardinal Innitzer die Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" so der von der Gestapo vorgeschriebene Name - , die er in seinem Palais unterbrachte. Mit ihrer Leitung beauftragte er den deutschen Jesuiten P. Ludger Born. Die Hilfsstelle betreute bis Kriegsende rund 4000 katholische Nichtarier. Von den 23 Mitarbeiterinnen kamen neun ins KZ, nur eine überlebte.
Es trifft zu, daß es keine Demonstrationsmärsche oder Lichterketten von Bischöfen, Priestern oder Laien gab. Aber was beweist dies? Im besetzten Holland kam es zu Streiks gegen die Deportation von Juden. Ein gewiß unverdächtiges Publikationsorgan, der Israel-Digest, schrieb hierzu am 12. März 1965: Der vergebliche Streik am 25. Februar 1941 verbesserte die Lage der Juden nicht - tatsächlich führte die Protestaktion zu einer Verschärfung der antijüdischen Maßnahmen durch die Deutschen.
So unumstößlich wahr es ist, daß zahlreiche Deutsche in die Verbrechen des Naziregimes verstrickt waren, so unbestreitbar ist es, daß Zehntausende dem Nationalsozialismus bis aufs Blut widerstanden und auch in der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte die Fackel der Menschlichkeit hochhielten. Der jüdische Fernsehmoderator Gerhard Löwenthal schrieb in seinem Buch Ich bin geblieben: Die Tatsache, daß, wie man heue weiß, über 5000 Juden illegal in Berlin lebten,.... zeigt, daß Tausende von Berlinern dem Gebot der Menschlichkeit auch unter den schwierigsten Verhältnissen folgten und halfen, wo es ging. Als Augenzeuge des Pogroms vom November 1938 berichtet er, daß viele Menschen stumm und betroffen, einige offenbar in ohnmächtiger Wut, die Feuersbrunst beobachten.
Der britische Geschäftsträger in Berlin bestätigt diesen Eindruck Löwenthals in seinem Bericht vom 16. November 1938: Ich habe nicht einen einzigen Deutschen, gleich welcher Bevölkerungsschicht, angetroffen, der nicht in unterschiedlichem Maße zum mindesten missbilligte, was geschehen ist. Aber ich fürchte, daß selbst die eindeutige Verurteilung von Seiten erklärter Nationalsozialisten oder höherer Offiziere der Wehrmacht keinerlei Einfluß auf die Horde von Wahnsinnigen haben wird, die gegenwärtig Nazi-Deutschland beherrscht.
Der englische Generalkonsul in Frankfurt, wo sehr viele Juden lebten, schrieb am 14. Dezember 1938: Ich bin überzeugt, daß, wenn die Regierung Deutschlands von der Wahl des Volkes abhinge, die Machthaber, die für diese Schandtat verantwortlich sind, von einem Sturm der Entrüstung weggefegt worden wären, wenn man sie nicht an die Wand gestellt und erschossen hätte.
Nun gab ein deutscher Divisionskommandeur, der in der Wehrmacht als Schwarzer General bekannt war, am 12. Dezember 1939 Schießbefehl gegen Judenverfolger. Sein Armeebefehlshaber, Generaloberst von Witzleben, bestätigte diesen Befehl und dehnte ihn auf die gesamte Armee aus. Keinem Juden wurde ein Haar gekrümmt. Der Grazer Philosophieprofessor Dr. Ernst Topitsch, der in den achtziger Jahren eine regelmäßige Gastkolumne bei Die Welt und Rheinischer Merkur hatte, würdigte diese Tat anläßlich des 50. Jahrestages der Reichskristallnacht mit dem Artikel Ein General gab den Schießbefehl. - Beide Zeitungen lehnten ab. So etwas wollten sie nicht bringen. Galt hier der journalistische Grundsatz: Eine gute Nachricht ist eine schlechte Nachricht.?