Ein neuer Blick auf das subsistit in (Lumen gentium 8)
Schwierige
Fragen finden oft erstaunlich einfache Lösungen, komplizierte
Interpretationen können von Erkenntnissen ersetzt werden, die so
simpel sind, dass man sie jahrzehntelang zu übersehen scheint.
Betrachtet man die unzähligen Kommentare zur Konzilserklärung
des Zweiten Vatikanischen Konzils, die sich in Lumen gentium
8 findet, so wird die Wahrheit dieser Feststellung deutlich.
Ecclesia subsistit in Ecclesia catholica Die Kirche
Christi ist in der katholischen Kirche verwirklicht. Fast alle
Theologen, die diese zentrale Stelle des konziliaren Dokuments über
die Kirche unter die Lupe genommen haben, haben das subsistere
in als Gegensatz zu est interpretiert: Gingen
die einen davon aus, dass die katholische Kirche nun endlich
ihren Absolutheitsanspruch aufgegeben habe und anerkenne, dass es
neben ihr auch andere von Christus gewollte Gemeinschaften gebe,
so suchten andere, die die Identität zwischen der Kirche Christi
und der katholischen Kirche verteidigen wollten, nach schwierigen
Interpretationen, die besagte so zu interpretieren, dass kein
Zweifel mehr an der Einzigkeit der Kirche bestehen könne.
Zweifellos, die
ungewöhnliche Formulierung Die Kirche Christi ist in der
katholischen Kirche verwirklicht bietet reichlich Anlass
zur Spekulation und zur Interpretation. Greift man jedoch zu
einem x-beliebigen lateinischen Wörterbuch, um der Bedeutung des
subsistere in auf den Grund zu gehen, so wird man überrascht
feststellen, dass die Konzilserklärung keineswegs eine kopernikanische
Wende im Selbstverständnis der Kirche herbeiführen
wollte, noch dass es daher nötig wäre, auf spekulativem Wege
diese Ansicht zu entkräften. Der aus der Militärsprache
stammende Begriff bezeichnet nämlich das Feststehen einer
Heeresreihe wider den anstürmenden Feind. Subsistere in
bedeutet daher zunächst keineswegs eine Aufweichung des
Ausdrucks est, sondern vielmehr dessen Verstärkung:
standhalten, Wiederstand leisten, da sein. So könnte man die
heftig umstrittene Stelle in Lumen gentium wie folgt wiedergeben:
Die Kirche Christi bleibt in der katholischen Kirche
bestehen, auch wenn sich außerhalb von ihr Elemente der
Heiligung und der Wahrheit finden, die, als wahre Güter der
Kirche Christi, zur katholischen Einheit drängen.
In ihrer im Jahr 2002 an der Päpstlichen
Universität Gregoriana verteidigten Doktorarbeit gelingt es
Alexandra von Teuffenbach[1] zu zeigen, dass das Zweite Vatikanische
Konzil das Selbstverständnis der katholischen Kirche die Kirche
Jesu Christi zu sein keineswegs aufweichen wollte, auch wenn das
in den folgenden Theologengenerationen unter Berufung auf die
besagte Formulierung von Lumen Gentium geschehen ist. Es
gelingt ihr nachzuweisen, dass kein geringerer als der Sekretär
der Theologischen Kommission Sebastian Tromp SJ, die Einfügung
des subsistit in in den Konzilstext vorgeschlagen und
durchgesetzt hat. Tromp war bekannt dafür, dass er sich mit
Entschiedenheit gegen den religiösen Indifferentismus wandte,
energisch die bereits 1864 verurteilte Drei-Zweige-Lehre
(Die christliche Kirche entfaltet sich wie die Zweige eines
Baumes in der katholischen, der orthodoxen und der anglikanischen
Gemeinschaft) ablehnte und deshalb für die Erklärung der
absoluten Identität zwischen der Kirche Christi und der
katholischen Kirche eintrat. In einem der ersten Entwürfe
formulierte Tromp: Daher lehrt die heilige Versammlung und
erklärt feierlich, dass es nur eine Kirche Jesu Christi gibt,
die wir selbst im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige,
katholische und apostolische feiern, die der Heiland selbst am
Kreuze erkauft [...] und die der Auferstandene dem Petrus und den
Nachfolgern zu regieren aufgetragen hat, und die einzig mit Recht
(römisch) katholische Kirche genannt wird.
Nach verschiedenen Änderungen des Textes im
Herbst 1963 kam es am 25. und 26. November zu den entscheidenden
Sitzungen der von Philips geleiteten Theologischen Kommission:
Eine Reihe von Mitgliedern wünschte, dass adest, was
durch die Unterkommission Eingang in den Text gefunden hatte,
wieder in est verändert werde. Diese erhob keinen
Einspruch, aber Tromp beantragte statt adest subsistit
in die Konzilserklärung einzufügen. Er war erfolgreich. Ein
Jahr später, am 21. November 1964, wurde der Text der
Kirchenkonstitution mit 2151 Ja-Stimmen und fünf Nein-Stimmen
angenommen.
Sebastian Tromp, ein brillianter Latinist,
der in lateinischer Sprache schrieb und dozierte und es, was ihm
nicht selten so manche Antipathien bescherte, auch nicht
unterlassen konnte, bissige lateinische Witze und Bemerkungen zu
formulieren, wusste um die Bedeutung des subsistit in:
Allein die katholische Kirche bleibt trotz aller Angriffe
und Widerstände die eine Kirche Christi. Es ist die
bittere Ironie der Geschichte, dass gerade diese Formulierung,
die wie keine andere die Identität zwischen der Kirche Christi
und der dem Petrus und seinen Nachfolgern anvertrauten
katholischen Kirche ausdrücken sollte, wesentlich zu einer
Neuformulierung des kirchlichen Selbstverständnisses geführt
hat. So mag man tatsächlich fragen, ob die Wahl des Begriffs
subsistit in angesichts seiner Wirkungsgeschichte
tatsächlich eine glückliche war und er daher, wie Alexandra von
Teuffenbach es tut, wirklich uneingeschränkt verteidigt werden
kann.
Dennoch bleibt es unbestreitbar festzuhalten,
dies beweist die ausführliche, vor allem auf Akten der
Theologischen Kommission sich stützende Doktorarbeit, dass die
in der Theologiegeschichte neue ekklesiologische Formulierung
keineswegs die traditionelle Doktrin von der Identität der
Kirche Christi und der katholischen Kirche abschwächen wollte.
Es ist zu oberflächlich, in der Tatsache, dass der Begriff
adest durch subsistit in ersetzt wurde,
eine intendierte Veränderung der kirchlichen Lehre zu erblicken;
im Gegenteil: Die Textgenese zeigt, dass das ursprüngliche
est nicht nur wiederhergestellt, sondern in gewisser
Weise verstärkt wiedergegeben werden sollte, was bei adest
nicht der Fall war. Über die bloße Wortbedeutung hinaus
beweisen die Sitzungsprotokolle der Theologischen Kommission und
die Akten des Konzils, die keinerlei Hinweis auf einen derartigen
doktrinellen Wandel liefern, dass es nicht in der Absicht der
Bischöfe und Theologen lag, die katholische Kirche als eine
Verwirklichung der wahren Kirche Christi neben anderen
darzustellen.
Es bleibt zu
hoffen, dass die Kirche wieder den Mut findet, zu ihrem
Selbstverständnis als die eine wahre Kirche Christi zu finden.
Ein echter und wünschenswerter Dialog mit den christlichen, von
der katholischen Kirche getrennten Gemeinschaften, kann ja nur
dann fruchtbar sein, wenn man sich nicht hinter mehrdeutigen
Formulierungen versteckt, sondern mit Mut die eigene Position
vertritt: mit dem Freimut, die eigene Überzeugung offen zu verkünden,
mit der Demut, die mögliche Zurückweisung und Kritik gelassen
anzunehmen.
Sieht man von dem zu kritisierenden Mangel eines Inhalts- und Personenverzeichnis ab, das die Lektüre wesentlich erleichtern würde, ist die Arbeit Alexandra von Teuffenbachs zweifellos ein wichtiger Mosaikstein zur Erforschung der Wirklichkeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es ist der Dissertation zu wünschen, dass sie tatsächlich einen wirkungsvollen Beitrag leisten möge wie es der Untertitel sagt zum Selbstverständnis der katholischen Kirche.
Anschrift des Autors: Lic.theol. Florian Kolfhaus, Campo Santo Teutonico, I 00120 Città del Vaticano.
[1] Alexandra von Teuffenbach: Die Bedeutung
des subsistit in (LG 8) Zum Selbstverständnis der
katholischen Kirche. Herbert-Utz-Verlag München. 2002. ISBN 3-8316-0187-9.