David Berger
Karl Rahner: Ketzer oder Kirchenlehrer? Eine Anfrage zum Rahnerjahr
(zuerst erschienen in: Theologisches 32/2002 sowie Divinitas/Vatikan 32/2003)
One must reasonably surmise a
total failure
of Catholic faith in Rahner
Die folgende Untersuchung hat Leben
und Theologie Karl Rahners zum Gegenstand. Dabei stützt sie sich
neben den Studien, die wir bereits selbst zu dem Thema
vorgelegt haben[1]
- auf wichtige Ergebnisse der jüngeren Sekundärliteratur. Der
Schwerpunkt liegt dabei der Fragestellung des Beitrags gemäß
auf der Theologie, philosophische Aspekte werden nur dort berührt,
wo sie sich in nicht zu übersehender Weise auf die Theologie
ausgewirkt haben.[2]
Vorab sei noch bemerkt: Es geht uns
nicht darum, nur ... Pater Rahner die Rechtgläubigkeit
abzusprechen, eine Ketzerjagd auf niedrigem Niveau
zu veranstalten, wie eine Ordensschwester und Georg Muschalek
in einem anderen Zusammenhang unterstellten[3]. Aber die Nachfrage nach der Rechtgläubigkeit
der Theologie von Rahner muss doch auf der Basis des unten Ausgeführten
zumindest prinzipiell erlaubt sein, ja ist angesichts des großen
Einflusses, den dieses Denken auf die katholische Kirche in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewinnen könnte, sogar ein
dringendes Desiderat. Dabei die Fragenden zu beschuldigen, sie würden
vor der Größe der Mysterien des Christentums kapitulieren
und ihre Zuflucht zu dem Kleinen Katechismus nehmen[4], sie wollten aus Bequemlichkeit und
geistiger Trägheit den einfacheren Weg, sich mit der
guten alten Tradition zufrieden zu geben[5], gehen, zeigt auch nur, wie
schlecht der erstere sich in der Geschichte der Katechese
auskennt[6],
und wie wenig der sich sonst so modern gebende Bischof vom Leben
der traditionsverbundenen Gläubigen in der heutigen Welt weiß.
Den Kritikern Rahners vorzuhalten, sie müssten sich dafür
entschuldigen, dass sie ihre Bedenken gegen Rahners Theologie
anschaulich auf den Punkt gebracht haben, wie dies Prof. Vogt
getan hat[7],
ist wenig hilfreich und zeigt eher die Emotionsgeladenheit, die
viele Rahneranhänger befällt, sobald an ihrer Ikone Kritik geübt
wird. Auch an einen Leserbrief die Kriterien für eine
Seminararbeit anzulegen, wie dies Georg Muschalek versucht hat,
um dann festzustellen, der Leserbrief genüge diesen Kriterien
nicht, ist völlig inadäquat und verrät wohl mehr über die
Kenntnis, die der Rahnerschüler von journalistischen und
wissenschaftlichen Textsorten hat, als über die Berechtigung des
darin Vorgebrachten.[8]
Muschalek hat geschrieben eine
theologische Diskussion über die Wege, die Rahner versucht hat,
wäre sehr nötig. Die unhöfliche und unsachliche Art, in
der Muschalek, Vogt und andere der eifrigen Rahnerapologeten mit
den Kritikern Rahners umzugehen gewohnt sind[9], lädt nicht unbedingt zu einem solchen
Gespräch ein. Vielleicht war dies auch der Grund, warum sich
einige der Rahnerkritiker weitgehend aus der Kontroverse
verabschiedet haben. Dennoch verstehen sich die folgenden Zeilen
ganz im christlichen Geist, den Prof.
Muschalek etwas unpassend zu seinen übrigen Äußerungen sich zu
wahren expressis verbis vorgenommen hat, -[10] als Diskussionsbeitrag für ein
solches Gespräch.
Dabei werden wir Polemik so weit als
möglich zu vermeiden suchen und auf wissenschaftlichem Wege
vorgehen. Von daher können etwa die jüngsten Äußerungen
Herbert Vorgrimlers unbeachtet bleiben, in denen dieser die
Rahnerkritiker pauschal als Ignoranten, ... von
pathologischem Hass geprägt beschimpft, einer Zeitschrift
wie Theologisches, die immerhin Autoren wie Kardinal
Scheffczyk oder die em. Erzbischöfe Braun und Eder zu ihren
Autoren zählt, unterstellt, dass sektiererische Kreise
hinter ihr stehen, um dann zu bedauern, dass für solche
Publikationsorgane die vom Konzil geschaffene (?) Meinungs-
und Pressefreiheit immer noch gilt.[11]
Bereits der Titel unseres Beitrags
wird bei manchen Irritationen auslösen. Daher soll eingangs eine
Begriffklärung vorangestellt werden.
Als Kirchenlehrer (doctor
ecclesiae) bezeichnet man jene Theologen der Kirche, die
wegen ihrer hervorragenden Heiligkeit und Wissenschaft von der höchsten
kirchlichen Autorität mit dem besonderen Ehrentitel des doctor
ecclesiae ausgezeichnet wurden.[12] An ihrer Spitze steht von Rechts
wegen ganz ohne Zweifel der hl. Thomas als Fürst der
Scholastiker und Doctor communis der
katholischen Kirche.
Nun wird man sofort einwenden können,
dass ja niemals jemand behauptet habe, die kirchliche Autorität
habe Karl Rahner mit dem besagten Ehrentitel ausgezeichnet oder
dies auch nur jemals ernsthaft erwogen. Dennoch muss man
feststellen, dass der Jesuit heute den Rang eines Kirchenlehrers
resp. neuen Doctor communis einnimmt. So wollte eine Umfrage der
Zeitschrift Orientierung an der Päpstlichen Universität
Gregoriana vor einigen Jahren, von den etwa tausend
Theologiestudenten wissen, wen sie für den bedeutendsten
Theologen überhaupt hielten: Fast die Hälfte der Studenten
sprachen sich für Rahner und nicht einmal ein Drittel für den
hl. Thomas von Aquin aus.[13] Rahner scheint der neue Princeps
theologorum und Doctor communis der katholischen
Theologie geworden zu sein.[14] Der hl. Thomas, der engelgleiche Lehrer, von
dem Pius XI. und im Anschluss an ihn die das Zweite Vatikanische
Konzil vorbereitende Kommission lehrt, dass die Kirche dessen
Lehre geradezu zu ihrer eigenen gemacht habe, ist weit darunter
in die zweite Etage abgerutscht. Ganz in diesem Sinne schreibt
der Rahnerschüler Johann B. Metz anlässlich des 80. Geburtstags
seines Lehrers im März 1984: Karl Rahner hat das Antlitz
unserer Theologie erneuert. Nichts ist mehr ganz so, wie es vor
ihm war ... Auch die, die ihn kritisieren oder ablehnen, zehren
noch von seinen Einsichten, von seinen ebenso scharfsinnigen wie
zarten Wahrnehmungen in der Welt des Lebens und des Glaubens[15]. Herbert Vorgrimler bezeichnete zum
selben Anlass seinen Lehrer als Vater im Glauben[16]. Auch im außerkatholischen Raum
blieb diese Verehrung Rahners nicht unbemerkt. So schreibt der
Schweizer protestantische Theologe Johannes Flury: Ein
Blick auf die neuere katholische Literatur zeigt, dass Rahner hie
und da fast kanonisches Ansehen genießt ...[17]. Und der protestantische
Theologiegeschichtsschreiber Horst Pöhlmann bemerkt: Seine
(also Rahners) Schriften zur Theologie gelten als neue theologische
Summe, der des Thomas von Aquin durchaus ebenbürtig.[18]
Ketzer ist die in
Deutschland seit dem Spätmittelalter gebräuchliche Bezeichnung
für Häretiker. Dabei unterscheidet man die materielle von der
formellen Häresie. Der formellen Häresie macht sich ein
Getaufter schuldig, der wissentlich eine der Lehre der Kirche
entgegenstehende Lehre öffentlich vertritt oder eine durch göttlichen
und kirchlichen Glauben (fide divina et catholica)
festzuhaltende Wahrheit hartnäckig positiv leugnet. Der hl.
Thomas lehrt: Demnach ist Häresie eine Art des Unglaubens,
geltend für solche, die zwar den Glauben Christi bekennen, aber
seine Lehrsätze entstellen. (IIa-IIae q.11 a.1) Und weiter:
Wenn aber jemand, nachdem die Festlegung eines
Glaubenssatzes durch die Autorität der Gesamtkirche erfolgt ist,
einer solchen Anordnung hartnäckig widerstrebte, würde er als Häretiker
angesehen. (ibid. q.11 a.2)[19]
Von der formellen Häresie ist die
materielle Häresie zu unterscheiden: das heißt das genannte
Leugnen bzw. Fürwahrhalten geschieht weithin unbewusst und der
materielle Häretiker bringt zum Ausdruck, dass er eigentlich den
Glauben der Kirche vertreten will[20]. Wenn sie auch wie Matthias J.
Scheeben schön erklärt hat[21] - gegenüber der formellen Häresie im
Hinblick auf die Schuldhaftigkeit des Häretikers als weitaus
weniger verwerflich einzustufen ist, darf sie dennoch nicht
schlichtweg als harmlos angesehen werden. Die Kirche hat ihr
Auftreten pro foro externo stets mit kirchlichen Strafen
belegt.[22]
Bei der systematisch eigentlich
wesentlichen Frage schließlich, ob eine Position häretisch ist,
ob es sich um eine sententia haeretica handelt, kommt es
lediglich auf den objektiven Widerspruch zum Dogma an. Die
kirchenrechtlich relevante und ad hominem vielleicht
interessante Frage, ob sie dabei von einem formellen oder
materiellen Häretiker vorgetragen wurde bzw. ob der jeweilige
Theologe es an und für sich doch nur gut gemeint habe und im
Grunde genommen dem Glauben der Kirche dienen wollte, ist in
diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.[23]
Zunächst ist zur Klärung der
Frage, ob Karl Rahner zum neuen Kirchenlehrer taugt, zu fragen,
ob das erste Kriterium für einen Kirchenlehrer, das einer hervorragenden
Heiligkeit, bei Rahner gegeben war. Die Rahnerapologeten
gehen davon wie selbstverständlich aus. So schreibt etwa der
emeritierte Bischof von Stockholm, Hubertus Brandenburg, in
seiner Replik auf meine Rahnerkritik: Karl und Hugo Rahner (die
beide völlig undifferenziert in einen Topf geworfen werden) ständen
als Beispiele für eine glaubwürdige und fromme (!)
Theologie[24]. Wir erlauben uns zu fragen: Was sagen die,
die Rahner nicht vor allem als wichtige Voraussetzung, um später
in der Universitätstheologie und dann in der Kirchenpolitik
Karriere zu machen, kennen gelernt haben; was sagt die neuere
Sekundärliteratur zu diesem Thema?
Neben einigen, in unserem
Zusammenhang weiter nicht relevanten Berichten aus seiner
Kindheit und Jugend, gibt es zahlreiche verlässliche und
aufschlussreiche Angaben zum Studium Rahners an den
Scholastikaten in Feldkirch, Pullach und Valkenburg. Zu seinen
Lehrern in dieser Zeit gehören (der spätere Kardinal)
Augustinus Bea, der Lutherforscher Joseph Grisar, der bekannte
Dogmatiker Hermann Lange, der Mediävist Heinrich Weisweiler und
der spätere Haustheologe Pius' XII., Franz Hürth in der
Theologie; die Professoren Frick, Frank und Jansen in der
Philosophie: Dabei ist bezüglich der Philosophen zu erwähnen,
dass diese in ihrem Philosophieunterricht bereits die klare und
konsequente Orientierung am Denken des hl. Thomas von Aquin
zugunsten neuerer Denker verlassen hatten. Christoph Weber stellt
sieht man von seiner seltsamen Bezeichnung des Thomismus
als Ideologie ab in diesem Zusammenhang richtig fest:
Aber noch mehr: die deutschen und österreichischen
Jesuiten, die stets als Verteidiger des Thomismus ... auftraten,
waren selbst seit etwa 1930 nicht mehr voll von dieser Ideologie
überzeugt. Als erste sind hier Bernhard Jansen und Erich
Przywara zu nennen, die schon 1925 innerlich eine Annäherung ...
an Kant vollzogen; nach dem Bekanntwerden der Studien des
belgischen Ordensmitgliedes Joseph Maréchal um 1929 gab es kein
Halten mehr. Seit der Mitte der dreißiger Jahre waren die
deutschen und österreichischen Jesuiten für die Neuscholastik
praktisch verloren ...[25]. Die Aussagen seiner theologischen Lehrer zu
dem Studenten Rahner indes sind wenig schmeichelhaft: Franz Hürth
ebenso wie der bekannte Gnosisfroscher Karl Prümm berichteten
beide später, Rahner habe ihnen seine Verachtung offen gezeigt,
indem er sich während ihrer Vorlesungen in die hinterste Reihe
gesetzt und demonstrativ Kreuzworträtsel gelöst oder
Kriminalromane gelesen habe.[26]
Bezüglich der Promotion Rahners
kann man in der Sekundärliteratur feststellen, dass sich die
Forschungsergebnisse Hugo Otts weitgehend durchgesetzt haben. Und
das obwohl sich Ott wie zuvor auch Honecker - anfangs
aufgrund eben dieser Studien noch heftigen Attacken der Rahnerschüler
ausgesetzt sah. Dies nicht von ungefähr: Sie zeigen nämlich,
dass die Berichte, die Rahner selbst von diesem Ereignis gegeben
hat, nicht der Wahrheit entsprechen. Diese dienten Rahner
offensichtlich nur dazu, Honecker schlecht zu machen und sich
selbst zum wehrlosen Opfer geistloser Neuscholastiker zu
stilisieren. Von seinen Ordensoberen wurde Rahner nach dem Ende
der regulären Studien und der Priesterweihe 1934 in seine
Heimatstadt Freiburg geschickt, um - im Hinblick auf den
geplanten Einsatz als Philosophielehrer an einem Scholastikat des
Ordens - in Philosophie bei dem dortigen Philosophieprofessor
Martin Honecker zu promovieren. Hier lernte er auch Martin
Heidegger (1889-1976) und sein Denken näher kennen. In seiner
Doktorarbeit, in der er über die Erkenntnislehre des Thomas von
Aquin arbeiten sollte, hat er dann in wilder Weise Gedanken
Heideggers mit denen des französischen Jesuiten Maréchal
vermischt und versucht mit Thomaszitaten zu begründen: Dies war
auch der Grund warum ihm Honecker die Arbeit zur Überarbeitung
zurückgegeben hat; Rahner weigert sich diese Überarbeitung
durchzuführen und fand für Honecker Zeit seines Lebens nur noch
sarkastisch-bösartige Äußerungen: Rahner zeichnete Honecker
stets als sturen Neuthomisten und beschuldigte ihn, er habe nur
Arbeiten angenommen, die von seinem Geist bestimmt
gewesen seien und fügte hinzu: Als ob der überhaupt einen
Geist hätte. Schulz bemerkt dazu: Diese flapsige
Bemerkung darf nicht als ernstzunehmende Deutung des respektablen
philosophischen Werkes betrachtet werden, das Honecker hinterlässt.
Auch Lotz ist mit seiner Doktorarbeit bei Honecker durchgekommen,
obwohl sie keine bloß historische Rekonstruktion der
Seinsauslegung des Thomas von Aquin darstellt. Ähnlich erging es
anderen. Wegen der Ablehnung der Arbeit von Rahner kann man
Honecker also nicht einfach einer geistlosen Engstirnigkeit
bezichtigen.[27] Manches jedoch bleibt nach wie vor ungeklärt:
Da weder das Manuskript von Rahners Dissertation mit den
Randnotizen Honeckers noch dessen Brief an Rahner, in dem die
Ablehnung begründet wird, auffindbar zu sein scheinen, bleiben
die genauen Umstände im Dunkeln.[28] Bei der emsigen Arbeit, die das Rahner-Archiv
in Innsbruck seit vielen Jahren leistet, scheint es eher
unwahrscheinlich, dass Brief und Manuskript einfach verschwunden
sind.
Nachdem Rahner sich weigerte, die Mühe
der Überarbeitung der Dissertation, die Honecker fordert, auf
sich zu nehmen, wurde er von seinem Orden nach Innsbruck versetzt:
dort promoviert er innerhalb weniger Monate bei Joseph A.
Jungmann zum Doktor der Theologie. Nach einer kurzen Dozententätigkeit
in Innsbruck wurde nach dem Anschluss Österreichs an das
Deutsche Reich 1939 die theologische Fakultät in Innsbruck
geschlossen. Rahner blieb in Österreich und entwickelte 1939
zusammen mit seinem damaligen Mitbruder Hans Urs von Balthasar
den Plan einer gemeinsamen neuen Dogmatik, die die ausgetretenen
scholastischen Wege verlassen sollte. Doch als 1941 der
Herderverlag deren Realisierung ermöglichen wollte, sprang Urs
von Balthasar ab. Es ist anzunehmen, dass es wohl auch die am
menschlichen Subjekt orientierte Denkweise Rahners war, die
Balthasar abschreckte mit diesem ein gemeinsames Lehrbuch für
Dogmatik zu verfassen. Schon in der Besprechung von Rahners
Dissertation Geist in Welt hatte von Balthasar die
subjektivistische Einseitigkeit des Rahnerschen Denkens, der der
Ausgleich durch die Wende zum Objektiven völlig abgehe, deutlich
kritisiert.[29]
Zu dem in jenen Jahren erfolgten
Einsatz Rahners für die den Anliegen des deutschen
Reformkatholizismus nahe stehenden Wiener Aktivisten bzw.
Innsbrucker Verkündigungstheologen hat, wie bereits erwähnt,
der nun in Münster lehrende Kirchenhistoriker Hubert Wolf
wertvolle Erkenntnisse zutage gefördert. Im Jahr 1994 edierte er
eine historisch-kritische Ausgabe des Antwortschreibens, das
Rahner im Auftrag des Wiener Kardinals Innitzer im Jahr 1943 auf
das Gröber-Memorandum verfasst hat, und erarbeitete in
einer langen Einleitung auch sehr sorgfältig und gut begründet
Merkmale der Persönlichkeit Rahners.[30] In unserem Zusammenhang kann nur das
Ergebnis seiner Studie zusammenfassend wiedergegeben werden:
Hier muss zunächst auf eine gewisse Arroganz des Theologieprofessors und hochgebildeten Jesuiten hingewiesen werden, der auf den einfachen Seelsorgepriester, den Durchschnittsmenschen und durchschnittlichen Kleriker, der zu wenig studiert ... hat, herabschaut ...Rahner ist in seinem Urteil mitunter recht parteiisch. Wer so arbeitet wie er, wem er sich verbunden weiß (insbesondere seinem Bruder Hugo), dem gesteht er die besten Absichten, auch bei möglicherweise missverständlicher Wortwahl, zu. Hier läuft Rahner zu großer Form auf: Wer Hugos Buch missversteht, zeigt nur seine theologische Unkenntnis. Geht es um andere Theologen, legt Rahner strengere Maßstäbe an ... Ebenso wenig Beachtung finden die römischen Thomisten um Réginald Garrigou-Lagrange ... Überhaupt findet Rahner an der Arbeit der anderen wenig Gutes: Die Schultheologie ist ihm zu bequem ..., die vorhandenen Lehrbücher bedeuten eher die untere Grenze zum Studium dessen, was von einem jungen Theologen zu verlangen ist ... - Die Parallele zu M. Heidegger, der nur noch seinen eigenen Ansatz gelten lies, drängt sich auf ... Rahner argumentiert nicht selten pro domo: Er nimmt die Anliegen der Verkündigungstheologie auch deshalb in Schutz, weil sein Bruder Hugo sie vertritt; er stellt sich vor die Arbeit von Seelsorgeämtern, weil er in Wien in einem solchen sein Brot verdient und sich mit dessen Arbeit identifiziert; er plädiert für die Leitung der seelsorglichen und liturgischen Erneuerung durch die Bischöfe, weil Innitzer in Wien das so tut; er nimmt Volksliturgie und Seelsorge in Schutz, weil er am Fortsetzungsband mitarbeitet; er rühmt die Namen von Johann Baptist Lotz und Max Müller, weil er seinen eigenen Namen nicht nennen kann, diese aber mit ihm zusammen die Katholische Freiburger Heidegger-Schule bilden und ... die einzigen sind in Deutschland, die wirklich noch etwas von Philosophie verstehen; er verteidigt die Rezeption neuzeitlicher Philosophie als für die katholische Theologie durchaus nützlich, weil er diese selbst vollzieht. Das ins Mark treffende Gröbersche Verdikt, manche suchten einen Anschluss an neuere philosophische Systeme, wird vom Tisch gewischt ... Die Gefahren, die in dieser Selbstsicherheit liegen und die latente Tendenz der Selbstüberschätzung und Einseitigkeit sind überhaupt nicht zu übersehen.[31] Diese wesentlichen Grundzüge der intellektuellen Persönlichkeit Rahners lassen sich nicht nur aus dem von Rahner erstellten Gutachten eruieren, sie begegnen dem Forscher ständig in der Betrachtung der gesamten wissenschaftlichen Laufbahn Rahners: Es verdient festgehalten zu werden, dass Rahner sich in wesentlichen Grundzügen seines Denkens treu blieb.[32]
2.3 Rahners Schwierigkeiten mit dem Heiligen Offizium und mit Papst Pius XII. [33]
Von 1949 bis 1964 ist Rahner dann Theologieprofessor in Innsbruck: Hier legt er mit seinen zahlreichen Publikationen zu den verschiedensten Themen und seiner Tätigkeit als Herausgeber der zweiten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche das Fundament für seinen späteren Ruhm. In diese Zeit fallen auch die Schwierigkeiten Rahners mit dem päpstlichen Lehramt: Rahners sehr eigenwillige Neuinterpretation der Dogmen von der Jungfräulichkeit (die bewusst von dem biologischen Aspekt absehen möchten)[34] und Himmelfahrt Mariens, seine These von der Auferstehung des Menschen im Moment des Todes, die daraus resultierende, der anthropozentrischen Wende der Theologie verpflichtete Interpretation des Dogmas der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel und seine nicht nur dem Kirchenrecht von 1917 widersprechenden Vorstellungen zur Konzelebration führen dazu, dass dem jungen Jesuiten vom Heiligen Offizium ein Schreibverbot bezüglich dieser Themen auferlegt und er vom Orden im Auftrag des Heiligen Offiziums einer Vorzensur unterstellt wird. Ja Pius XII. selbst warnt in einer öffentlichen Ansprache zum Abschluss des marianischen Jahres vor einigen der Thesen Rahners.[35] Auch die durchaus heftigen Reaktionen Rahners auf diesen Widerstand scheinen für die Persönlichkeit Rahners bezeichnend: Rahner setzte alles, besonders die öffentliche Meinung, in Bewegung, um Rom unter Druck zu setzen. Dabei verstand er seine Unternehmungen (Unterschriftensammlungen, Briefe an befreundete Bischöfe etc.) ganz konkret als kirchenpolitisch angelegte Aktionen. An seinen Freund Vorgrimler schrieb er: Man soll es diesen grässlichen Bonzen [gemeint waren Kardinal Ottaviani und seine Mitarbeiter beim Heiligen Offizium] nicht zu leicht machen. Merken sie Widerstand, sind sie wenigstens beim nächsten Fall vorsichtiger und überlegen es sich nochmals ... Diese neue Integralismuswelle muss doch auf alle Arten bekämpft werden![36] Schulz stellt angesichts dieses Zitates, das sich leicht durch weitere andere eindrucksvolle Äußerungen Rahners ergänzen ließe, fest: Rahner neigte offenbar zu einem sprachlichen Grobianismus [37]
Erst unter Johannes XXIII. ändert
sich für Rahner aufgrund des Eintretens der Kardinäle
Julius Döpfner und Franz König sowie des damaligen
Bundeskanzlers Konrad Adenauer die Situation merklich:
Rahner wird sogar, trotz der von Kardinal Ottaviani erhobenen
Einwände, zum privaten Konzilsberater Kardinal Königs. Es sind
wohl eher das Wirken Karl Rahners im Hintergrund und die
Kontakte, die in jener Zeit geknüpft wurden, die eine wichtige
Rolle spielen: Im Collegium Germanicum et Hungaricum etwa, wo
Rahner während des Konzils wohnt, lernt er den jungen Alumnen
Karl Lehmann kennen, der dann von 1964 an für drei Jahre sein
Assistent wird. Bei der noch weithin unerforschten Frage nach dem
genauen Anteil Rahners an Verlauf und Ergebnis des Konzils,
bleibt die Sekundärliteratur meist sehr unbestimmt. Von daher
bleibt auch das Argument, mit dem Brandenburg die Aussage Prof.
Galots SJ zu Rahner, dessen Theologie sei ein großer Versuch,
der dem Glauben schadet, als ungerecht um den
Ausdruck arrogant zu vermeiden -, disqualifizieren möchte,
höchst seltsam und in keiner Weise überzeugend: denn sie sei
gefällt über eine Theologie, die im Vorfeld des
Vatikanums nicht ohne Bedeutung war.[38] Rahner selbst war wie
Heinz-Lothar Barth überzeugend dargestellt hat - davon überzeugt,
dass es ihm gelungen sei, in die Texte des Konzils unscharfe
Begriffe, Aufhänger für eine spätere Theologie zu
katapultieren, von denen ausgehend man später den diffusen
Geist des Konzils, der nach Kardinal Ratzinger besser
als Ungeist bezeichnet werden sollte, konstruieren konnte.[39]
Sehr bekannt sind die
postkonziliaren Lebensstationen Rahners: So etwa die Übernahme
und Entvölkerung des Guardini-Lehrstuhles in München
(19641967). Interessant ist dabei die vom Verfasser
wiedergegebene Reaktion Rahners auf das Ausbleiben der Studenten
bei seinen Vorlesungen. An seinen Schüler und Freund Herbert
Vorgrimler schrieb er damals: Letztlich ist mir die Klage [über
meine Vorlesungen] eigentlich wurst. Denn wenn ein vernünftiges
Buch da herauskommt, ist der Kirche mehr gedient, als wenn ich
ein paar hundert dumme Leute wie Guardini erbaue.
Im oben wiedergegeben Zitat klingt
schon die zunehmende Verbitterung, die bei Rahner seit etwa 1970
festzustellen ist, an: Sie wird besonders deutlich auf der
sogenannten Würzburger Synode, wo er ein Versagen der Amtskirche
(ein missverständlicher Ausdruck, den Rahner seit jener Zeit
immer wieder gebraucht) glaubt feststellen zu müssen. Hier
findet auch eine denkwürdige Auseinandersetzung mit Kardinal Höffner
statt, der in einem Text die Lehre, das Jesus Gott ist,
festschreiben wollte. Rahner entrüstete sich über dieses
Ansinnen und beschuldigte die Vorstellungen des Kardinals eines
Mythologismus, durch den das Christentum alle Glaubwürdigkeit
verlieren würde.[40] Besondere Verbitterung löste bei Rahner das
Scheitern der linksliberalen Tageszeitung Publik im
November 1971 aus. Er sah den Rückzug der Kirche in ein
vorkonziliares Getto angebrochen und überwarf sich
auch mit seinem einstigen Kardinalprotektor Julius Döpfner. In
diesen Zusammenhang gehört auch die Auseinandersetzung um den Münchner
Lehrstuhl für Fundamentaltheologie im Jahre 1979: Obwohl
Rahner seinen Schüler Johann B. Metz als Kandidaten für diesen
Lehrstuhl vorgeschlagen hatte, unterstützte Kardinal Ratzinger,
damals Erzbischof von München, diese Kandidatur nicht, woraufhin
auch das Kultusministerium einen Rückzieher machte. Rahner warf
daraufhin Ratzinger in einer publikumswirksamen Aktion Machtmissbrauch
vor. Schulz schreibt in diesem Zusammenhang: Rahner nahm für
sich das Recht in Anspruch, seine Leute durchzuboxen. So
versuchte er auch auf der Synode, seine Freunde in bestimmte
Gremien zu lancieren. Könnte es nicht vielleicht sein, dass
jetzt ein anderer für sich das zumindest ebenso
unbestreitbare Recht in Anspruch nahm, sich gegen einen
Fall von Durchboxen zu wehren? Im selben Jahr
wurde auch in einer längst überfälligen Aktion -
Rahners Kampfgefährden Hans Küng die Lehrerlaubnis entzogen,
was Rahner dazu veranlasste, von Gefahren eines sterilen
reaktionären Hinterwäldlertums in der Kirche, die zu
einem gewissen Grad real werden können zu sprechen.[41]
Ähnlich auch, als Papst Johannes
Paul II. nach dem Schlaganfall des Jesuitengenerals Petro Arrupe,
der sich gegenüber Paul VI. stets schützend vor Rahner gestellt
hatte[42], den in Deutschland als eher
konservativ geltenden, um die Erforschung und Förderung der
Neuscholastik sehr verdienten Theologen Pater Dezza[43] als Delegaten einsetzte: Rahner sah
darin einen Akt des Machtmissbrauchs, mit dem der Theologie vom
Papst amtskirchliche Zügel auferlegt werden sollten. Im
Hintergrund stand dabei die 1982 bei einer Zusammenkunft der
Ordensprovinz explizit ausgesprochene Vorstellung Rahners, die
wissenschaftliche Theologie habe das ausdrückliche Recht, auch
am Lehramt vorbei Aussagen zu formulieren[44]. Seitdem wird von einigen deutschen
Theologen zumeist Rahnerscher Provenienz - immer wieder
die These vertreten, neben dem bischöflichen beziehungsweise päpstlichen
Lehramt gebe es parallel zu diesem ein gleichberechtigtes Lehramt
der Theologen. Der wichtigste Propagator dieser abstrusen und
Vorstellung, die sich völlig zu Unrecht auf den Doctor angelicus
beruft und das Wesen der Theologie gründlich verkennt, ist der Tübinger
Professor Peter Hünermann. Die Glaubenskongregation hat die
genannte These in der Instruktion Donum veritatis (24. Mai
1990) explizit zurückgewiesen. [45]
Im Hinblick auf den zweiten Teil
unserer Ausführungen müssen wir bereits hier fragen, ob mit
dieser von Rahner selbst formulierten Grundoption nicht im Ansatz
jene Geisteshaltung zum Ausdruck kommt, die der große Kölner
Dogmatiker Scheeben als Verlust des kindlichen Gehorsams gegen
die Kirche, als des Geistes des katholischen Glaubens, beschreibt:
Dieses Bewusstsein des kindlichen Gehorsams geht in dem
Grade verloren, als man durch unkirchliche äußerliche Einflüsse
oder durch eigenen Stolz der Stimme der alten Schlange Gehör
gibt, welche uns einflüstert, jenes kindliche Verhältnis sei
einerseits eine des freien Mannes unwürdige Unmündigkeit, und
andererseits eine drückende Tyrannei ... Durch solche liberale
Einflüsse und Stimmungen kann man schon den Geist des
katholischen Glaubens verlieren, ehe man eine einzige kirchliche
Glaubenswahrheit leugnet ...[46]
Für Aufsehen sorgte in Deutschland
die deutsche Übersetzung des Buches Gethsemani von
Kardinal Siri, deren Erscheinen Rahner mit Drohungen gegen den
zuständigen Verlag und durch Verunglimpfungen der
wissenschaftlichen Leistungen des verdienten Kardinals im Vorfeld
erfolglos zu verhindern suchte.[47] Auch das von Rahner zusammen mit Heinrich
Fries 1983 zum fünfhundertsten Geburtstag Martin Luthers
herausgegebene Buch Einigung der Kirchen reale Möglichkeit,
das im gewissen Sinne die Problematik der Augsburger Konsenserklärung
zur Rechtfertigung vorwegnimmt, darf nicht unerwähnt bleiben.
Schulz zitiert in diesem Zusammenhang Kardinal Ratzinger, der in
dem Buch eine unzumutbare Aktion, die zu einem Parforce-Ritt
zur Einheit antreiben will, und in den vertretenen Thesen
eine Kunstfigur theologischer Akrobatik, sah. Rahner
schlug darin allen Ernstes vor, bei einer evangelischen
Bischofsordination könnten mitweihende katholische Bischöfe das
Manko bei der apostolischen Sukzession (...) beheben.[48]
2.5 Die Verschlusssache Rahner
Auch die so genannte Verschlusssache
Rahner, die man etwa in Karl-Heinz Neufelds sonst sehr um
Detailtreue bemühter Rahnerbiographie vergeblich sucht, kann die
neuere Sekundärliteratur, die Ernst genommen werden will, nicht
mehr verschweigen[49]: Rahner schrieb nicht nur Briefe an seinen
Freund Vorgrimler, sondern auch an die Schriftstellerin Luise
Rinser. Diese behauptet, über 1800 (!) sehr private Briefe von
Rahner, deren Publikation der Jesuitenorden strikt untersagt hat,
zu besitzen. Rahner, der Rinser darin mit dem Kosenamen Wuschel
anredet und von ihr mit Fisch angeschrieben wird,
soll so Rinser sehr darunter gelitten haben, nicht
in einer exklusiven Freundschaft mit ihr zu stehen. Die
fromme Mutter Rahners bat daher Luise Rinser einmal um die
nötige Distanz, die Ordensleitung ihrerseits Rahner. Wohl
nicht ganz zu Unrecht fragt sich der Leser des Buches von Schulz
an dieser Stelle, ob solche Dinge in einem Buch über einen
verstorbenen Ordensmann und Theologen überhaupt Erwähnung
finden sollten. Indes ist dieses Vorgehen gerechtfertigt
angesichts der Frage: Ob und inwieweit Rinsers Fragen,
Glaubenskrisen, mystische Rückwege zu Gott (als einem eher
apersonal verstandenen Geist) und ihre scharfe Kirchenkritik
Rahners Theologie mit beeinflusst haben[50]. Dabei darf allerdings nicht übersehen
werden, dass es wohl eine wechselseitige Beeinflussung gab, die
dem Glaubensleben der beiden nicht gut bekam. Denn Rinser schrieb
Rahner etwa am 7. Juni 1966: Fisch ich sagte es Dir
schon einige Male Du bist ungeheuer gefährlich für mich.
Du erziehst mich zu einem Relativismus, der tödlich sein könnte
...[51]
Glaubt man der Dichterin, die während
der Zeit des Nationalsozialismus euphorische Hymnen auf den
Führer schrieb, so war sie auch eine der letzten
Personen, mit denen Rahner noch wenige Stunden vor seinem Tod
telefoniert hat: Kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag, am 30.
März 1984, stirbt Rahner in Innsbruck. Das Requiem zelebriert
einer seiner vielen in den Bischofsrang aufgestiegenen Schüler,
der Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher.
Zusammenfassend wird man wohl durchaus in Zweifel ziehen dürfen, ob Rahner das erste Kriterium für einen Kirchenlehrer, das der hervorragenden Heiligkeit besitzt
Die folgenden Ausführungen stützen
sich hauptsächlich auf die Studie, die Heinz-Jürgen Vogels
Vogels[52] zur Theologie Rahners vor kurzem
vorgelegt hat, und deren Rezension zum Ausgangspunkt der
Diskussion in der Tagespost wurde. Sie werden aber
auch immer wieder Rahner selbst und andere Rahnerkenner zu Wort
kommen lassen. Dabei werden sie den Jesuitentheologen gerade
nicht nur punktuell interpretieren und seine Christologie etwa
nur anhand eines einzelnen frühen Aufsatzes bzw. einer Fußnote
daraus erheben, wie dies Vogt getan hat. Vielmehr werden alle
Aussagen Rahners im Sinne einer auch wissenschaftlich
verantwortbaren Hermeneutik in ihrem Gesamtkontext gelesen. Dies
ist unbedingt nötig, da die Bedeutung vieler verschwommener,
wohl bewusst unklar formulierter[53] Aussagen Rahners aus seinen frühen
Schriften erst bei der Lektüre seines Grundkurses in
ihrer eigentlichen Bedeutung deutlich werden.
Vogels geht von dem viel zitierten
und diskutierten Satz Rahners über die Trinitätslehre in seinem
Beitrag für das Sammelwerk Mysterium Salutis aus: Es
gibt ... innertrinitarisch nicht ein gegenseitiges
Du. Der Sohn ist die Selbstaussage des Vaters, die
nicht nochmals als sagend konzipiert werden darf.[54] Schon beim gesunden Glaubensinstinkt
der Gläubigen müsse dieser Satz Befremden auslösen.
Dieses Befremden wird für Vogels zum Anreiz, sich näher mit der
Trinitätslehre Rahners zu beschäftigen.
Der eben zitierte Satz wird von
Vogels mit Aussagen Rahners zusammengeschaut, in denen der Jesuit
über den Menschen überhaupt und über Christus als Epiphanie
Gottes in der Geschichte spricht. Dabei wird sehr deutlich: Der
Sohn ist für Rahner die Selbstaussage des Vaters nur in
die Geschichte hinein und sei deswegen nicht nochmals als sagend,
nämlich innertrinitarisch Du-sagend zu konzipieren[55]. Nun könnte man Vogels hier zum
Vorwurf machen, er reiße diese Stellen so aus dem Zusammenhang
und plaziere sie so neu, dass er das, was er bei Rahner finden möchte,
notgedrungen findet. Doch Rahner wird im Grundkurs selbst
so deutlich, dass es keiner ausgeklügelter Kombination von
verschiedenen Stellen bedarf. Dort[56] postuliert er von der zweiten
Subsistenzweise Gottes eine Identität mit deren geschichtlicher
Aussagbarkeit, die erst in Jesus Christus erfolgt. Richtig
folgert Vogels: Eine präexistente, also immanent
trinitarische Aussage Gottes, einen präexistenten Sohn, gibt es
in dieser Konzeption nicht.[57] Jesus Christus ist lediglich eine
geschichtliche, nicht die präexistente immergöttliche
Selbstaussage Gottes.
Die tiefste Ursache für diese
eindeutig der Lehre der Kirche widersprechende Position Rahners
sieht Vogels in den philosophischen Vorentscheidungen Rahners:
Genauer in seinem völligen Verfallensein an das
transzendentalphilosophische System: Rahner hat dieses System zunächst
im fundamentaltheologischen Zusammenhang entwickelt, dann aber
alles hineingezogen, was überhaupt Gegenstand der Theologie ist.
Von daher muss eine verantwortete Rahnerinterpretation genau das
machen, was mir Vogt zum Vorwurf gemacht hat[58]: Nämlich auch dort, wo es um die
Rahnersche Christologie geht, seine Verhältnisbestimmung von
Natur und Gnade, die fundamentaltheologische Frage kat exochen,
als deren Fundament zu berücksichtigen! Gerade in der
Christologie ist dies unverzichtbar, da diese bei Rahner als
Christologie von unten Christus nur noch
philosophisch, als den absoluten Heilsbringer zu
verstehen imstande ist: Die menschliche Existenz wird
interpretiert als eine von Gott beantwortete Frage. Besonders
exemplarisch wurde diese Antwort in Christus gegeben. Christus,
der so immer nur als exemplarischer Fall des
Allgemeinmenschlichen, als höchster Fall des
Wesensvollzuges der menschlichen Wirklichkeit[59] vor Augen kommt. Er steht als
vollständige, ihrer selbst bewusste rein menschliche Person Gott
gegenüber, der sich ihm zusagt und ihn annimmt, während
Christus als Mensch die Zusage Gottes annimmt.[60] Von daher ist Christologie nichts
anderes als die radikalste ... Anthropologie[61].
Diese Grundoption wirkt sich natürlich in der ganzen Christologie und Mariologie aus: Rahner postuliert etwa ein menschliches Selbstbewusstsein Jesu. Während das Konzil von Chalzedon lehrt, dass es in Christus nur eine göttliche Person gibt, sagt Rahner, an ein göttliches Aktzentrum zu glauben, sei ein Missverständnis, es gebe nur ein menschliches Aktzentrum in Christus.[62] Entsprechend zeigte Rahner immer wieder eine Aversion dagegen, von Christus als wahrem Gott zu sprechen: Als wie bereits erwähnt - auf der Würzburger Synode der Bonner Kirchenrechtler Hubert Flatten von den Synodalen das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes, unterstützt von Kardinal Joseph Höffner verlangte, trat ihnen Rahner selbstbewusst entgegen und sagte, dies könne man heute so nicht mehr sagen, ohne sich dem Verdacht eines überholten Mythologismus auszusetzen[63]. Auch in der Mariologie vermeidet Rahner dann konsequent den theotokos-Titel des Konzils von Ephesus. Von Maria wird nur als vom radikal geglückten Fall der Erlösung gesprochen. Dass Gottesmutterschaft etwas völlig anderes ist als allgemeines Erlöstsein, entgeht Rahner bereits in den frühen Schriften, im Grundkurs hat es wohl dazu geführt, dass die Frage der Gottesmutterschaft überhaupt nicht mehr thematisiert wird.[64] Am deutlichsten zeigen sich die christologischen Irrfahrten Rahners dort, wo dieser die Verbindung von Christologie und Trinitätslehre herstellt: Die menschliche Person Jesu steht (nach Rahner) einer einzigen göttlichen Person gegenüber, nicht nimmt (wie in der Christologie von Chalzedon) die zweite göttliche Person, der Sohn, eine menschliche Natur an ... Das, was Gott zusagt, ist der Logos, ... sachlich, nicht personal verstanden. Logos ist für Rahner die Aussagbarkeit, nicht die tatsächliche innertrinitarische Aussage Gottes. Logos ist eine Weise, in der Gott sich mitteilt.[65] Rahner spricht selbst vom Logos wortwörtlich als einer Gegebenheitsweise[66].
3.2 Lieber ein Modalist als ein Tritheist
Man sieht spätestens hier, was
jedem Fachtheologen immer bewusst ist: Die beschriebene
christologische Eigenlehre Rahners hängt aufs engste mit dessen
Trinitätslehre zusammen. Bereits der Terminus Gegebenheitsweise
zeigt die Richtung an. Und hier kann Vogels den mehrfach gut verbürgten
Ausspruch Rahners verständlich machen: Lieber ein Modalist
als ein Tritheist[67]. Und tatsächlich kann Vogels zeigen, wie
Rahner aus lauter Angst vor einem vulgären Triteismus letztlich
einem anthropozentrisch gewendeten Modalismus verfallen ist: In
der Rahnerschen Trinitätslehre existiert nur eine Dreifaltigkeit
der Zugewandtheit zum Menschen. Es gibt keine präexistente
immanente Trinität unabhängig von der dreifachen
Gegebenheitsweise Gottes für uns: Sohn und Geist werden nicht
als Personen, sondern lediglich als Aussageweisen des Vaters im
Hinblick auf den Menschen bzw. die Geschichte verstanden.[68] Die Anmerkungen zur Christologie
haben bereits gezeigt, dass der Logos hier nur ein anderer Name für
Gott im Modus des Wortes ist. Der innertrinitarische Logos
verschwindet damit nicht ganz, aber er wird reduziert auf die der
Eigenschaft Gottes als actus purus[69] zutiefst widersprechende
Vorstellung, dieser sei nur die Möglichkeit (potentia)
der Selbstaussage Gottes, eine Art Energie, eine
Bereitschaft Gottes, aber keine zweite Person in Gott.[70] Dies zeigt sich besonders eindrücklich
im Grundkurs, in dem Rahner sozusagen seine früh
gefassten Weichenstellungen weitgehend selbst konsequent zuende
gedacht hat.: Für Rahner ist der Logos tatsächlich keine
göttliche Person, infolgedessen ist Christus nur eine
menschliche Person, eine, die Gott annimmt und von Gott
angenommen wird.[71] So abstrus, wie viele deutsche Universitätstheologen
damals vorgaben, kann also die Analyse, die Kardinal Siri vor
vielen Jahren zur Christologie Rahners in Gethsemani
vorgelegt hat, nicht gewesen sein.
Diese eindeutig heterodoxen
Vorstellungen korrelieren ganz deutlich mit drei
Grundcharakteristika des Rahnerschen Denkens:
(1.) Zunächst ist ein weitgehendes Desinteresse an der Heiligen Schrift, besonders auch den Synoptikern, die den Sohn immer wieder als dem Vater gleichgestellt zeigen, zu konstatieren.[72] Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch eine Tatsache, auf die Kardinal Scheffczyk bereits vor vielen Jahren hingewiesen hat[73]; nämlich, dass die Heilige Schrift im Grundkurs eigentlich überhaupt keine Rolle mehr spielt. Deshalb bemerkte auch der Thomist Cornelius Williams anlässlich der Übersetzung von Rahners Schriften zur Theologie ins Englische: There is very little left of the bible or of the teaching of the churchs magisterium.[74]
(2.) Sodann zeigt sich, wie
wir bereits in 2 gesehen haben, in Rahners Denken eine Reserve
gegenüber der klassisch-kirchlichen Christologie,
der kirchenamtlichen Lehre bzw. eine Minimalisierung
der Dogmen mit weitreichenden Folgen[75]: Diese werden immer nur als eine mögliche,
aber nicht als die einzig mögliche Art, die
christliche Lehre auszudrücken, verstanden.[76] Besonders gerne warnt Rahner davor,
die Lehre der Kirche dürfe nicht verabsolutiert werden[77]. Dies tut er dann auch nicht:
Vogels etwa zeigt sehr schlüssig auf, dass das Gesamtkonzept
Rahners dem Theologiekonzept der klassischen Theologie, das der
Lehre der Kirche und ihrem Selbstanspruch so wunderbar konveniert[78], vollkommen zuwiderläuft: Rahner
geht in seiner Theologie nicht vom Dogma aus, er nimmt die
Offenbarung nicht zunächst entgegen, sondern macht einen
Vorentwurf einer apriorischen Lehre vom Gottmenschen[79], um dann zu sehen, ob der
hier zu entfaltende Sinn von Menschwerdung Gottes durch die
kirchenamtlichen Erklärungen gedeckt werde[80]. Anschließend konstatiert er dann
häufig, dass seine Konstruktion genau dem Glauben der Kirche
entspricht, was aber wie Vogels, ähnlich wie bereits
viele Jahre zuvor der bekannte Dominikanertheologe Jean-Hervé
Nicolas, überzeugend an der Christologie zeigen kann eine
völlige Fehleinschätzung darstellt.[81] Die Trinitätslehre und Christologie der
Kirche und jene Rahners lassen sich nicht in Einklang
bringen[82].
(3.) Diese Einschätzung
Rahners, die zwei sich widersprechende Positionen problemlos
nebeneinander stellt, als gäbe es den Satz vom Widerspruch nicht[83], ist freilich durch den dritten
Punkt erklärbar: Und zwar sind drittens ein philosophischer
Konfusionismus und eine enge Bindung an Hegel und den
Existenzialismus des frühen Heidegger festzustellen: In der
Trinitätslehre und Christologie etwa verwechselt bzw. vertauscht
Rahner immer wieder erste und zweite Substanz, Natur und Person,
allgemeines Wesen und Individuum.[84] Das existentialistische Schema findet sich
wieder in der Rahnerschen Konstruktion des Ek-sistierens des
Menschen auf Gott und Gottes auf den Menschen hin. Es geht mit
der Philosophie Hegels vom absoluten Geist, der nur zu sich
selbst findet, indem er aus sich in die Geschichte hinein
austritt und selbst geschichtlich wird, eine eigenartige
Verbindung ein: Die Stelle der These nimmt Gott, die der
Antithese der Mensch, als zu sich selbst kommender Geist,
bzw. die Schöpfung, in der Gott geschichtlich wird und sich erst
wirklich ausspricht, ein.[85] Der Synthese entspricht der Gottmensch,
in dem sich die Weltwerdung Gottes in Perfektion vollzieht. Ein
stark emanationistisches Denken wird hier verbunden mit einer
Sicht der Welt- bzw. Geistesgeschichte, die verstanden wird als
eine Geschichte der Selbsttranszendenz in Gott hinein und als
solche in ihrem Zielpunkt identisch mit der absoluten
Selbstmitteilung Gottes seiend, in dem, was Rahner unter unio
hypostatica versteht. Die Einmaligkeit der letzteren wird
dadurch natürlich hinfällig, denn eine solche absolute
Selbsttranszendenz des Geistes in Gott hinein ist nach Rahner
zu denken als in allen geistigen Subjekten
geschehend[86]. Richtig urteilt Vogels, dass Rahner den
Glauben mit der Hegelschen Philosophie verständlich machen
wollte, dies ihm aber in keiner Weise gelungen sei: Das
Instrumentarium des Hegelschen Denkens und des Existentialismus
erweist sich entgegen Rahners Absicht als untauglich zur
Verdeutlichung des biblischen und dogmatischen Befundes über
Jesus, den Christus, den Sohn Gottes.[87] Dieses Urteil gilt natürlich auch
für jene Schüler Rahners, die ihm in diesem Punkt gefolgt sind;
allen voran Hans Küng, dessen Christologie nach Selbstaussage
ganz von der Hegelschen Grundeinsicht, dass das Absolute
selbst Geschichte hat, geschichtlich ist[88], geprägt ist. Spätestens hier
wird die Aktualität dessen, was Papst Pius XII. in seiner
wahrhaft prophetischen Enzyklika Humani generis[89] ausführte deutlich. Mit Blick auf
den Evolutionismus, Existentialismus und Historizismus und den
Versuch, den Glauben der Kirche mit deren Hilfe neu zu
interpretieren, stellte er unmissverständlich klar: Kirche und
Glaubenswissenschaft dürfen sich nicht an ein beliebiges
kurzlebiges philosophisches System binden[90]. Eine Aufgabe der überlieferten
Terminologie und der philosophischen Tradition, die im hl. Thomas
von Aquin ihren Höhepunkt erreicht, bedeutet eine Katastrophe.
Papst Johannes Paul II. hat dies, ebenso wie die Erklärung Mysterium
Ecclesiae (1973)[91], in seiner Enzyklika Fides et Ratio
erneut unterstrichen (Nr.55 und 96) und hinzugefügt, dass es
bestimmte philosophische Grundbegriffe und -vorstellungen gibt,
die die Kirche in ihrer Lehrverkündigung in Dienst genommen hat
und die unabhängig von ihrem jeweiligen Kontext einen universalen
Erkenntniswert (Nr. 96) bewahren. Sie allein sind im
Bereich der spekulativen Theologie wirklich tauglich zum intellectus
fidei. Wird dies nicht beachtet so kommt es zu Verkürzungen
und Entstellungen der Wahrheit, wie dies etwa bei einer
Christologie, die einseitig von unten ausgeht,
der Fall ist (Nr. 98). Nach dem bisher Ausgeführten scheinen
diese Sätze fast als seien sie direkt an Rahner und seine Schüler
gerichtet.
3.4 Das schlimme Ende des anthropologischen Ansatzes
Abschließend lässt sich
konstatieren, dass das System Rahners vor dem Anspruch des
Lehramtes eine Fehlkonstruktion[92] ist. Es zeichnet sich aus durch
eine das specificum christianum vollständig einebnende
Verwischung, Vertauschung und Verwechslung der Begriffe
des göttlichen ungeschaffenen Geistes mit dem geschaffenen
Geist, der Natur mit der Gnade[93], der Seins- mit der Gotteserfahrung als
Kernpunkt der gesamten Problematik des Rahnerschen Denkens:
Dies ist das schlimme Ende des anthropologischen Ansatzes
in der Theologie.[94]
Vogels ist sich dabei der Tragweite
seiner Aussagen durchaus bewusst zumal nach den heftigen
Vorwürfen, die ihm von den Anhängern und Schülern Rahners, die
nach Karl-Heinz Weger heute die Lehrstühle der Schultheologie -
und man könnte ergänzen: auch zahlreiche Bischofsstühle -
eingenommen haben[95], gemacht wurden: Immer wieder versucht er in
diese Richtung zu beschwichtigen, indem er den guten Willen
Rahners, der nichts anderes als dem Dogma dienen und es erklären
wollte. Aber: Was er wollte, ist ihm, wie es scheint nicht
gelungen. Es tut zwar weh, so der Verfasser, über
Rahner so ernüchternd zu reden, aber wir sollen, die Wahrheit
in Liebe sagen (Eph 4,15), nicht die Wahrheit aus Liebe
verschweigen.[96]
Wir haben eingangs etwas provokativ
gefragt: Karl Rahner: Ketzer oder Kirchenlehrer? Nach
einer Begriffsklärung, haben wir im zweiten Abschnitt auf der
Basis der neuesten Sekundärliteratur zu Rahners Biographie
feststellen müssen, dass der Ruf, den heute Rahner de facto
in gewissen Theologenkreisen als neuer Kirchenlehrer besitzt,
aufgrund des Fehlens der zentralen Kriterien, die die Kirche für
die Geltung eines Theologen und dessen mögliche offizielle
Ernennung zum Kirchenlehrer, völlig unangebracht ist.
Aufgrund des dritten Teiles konnte
wir feststellen, dass Rahner die zentralsten Wahrheiten unseres
Glaubens[97], so wie sie das kirchliche Lehramt basierend
auf Schrift und Tradition endgültig formuliert hat, nicht mehr
erreicht. Deren radikale Uminterpretation ist eingebettet in eine
Neuentwurf des Christentums, den man mit den Worten Rahners
selbst als universale Häresie bezeichnen kann: Diese
ist eine heterodoxe Grundkonzeption, ... die das Verständnis
[des Häretikers] des ganzen Christentums prägt.[98] Dabei kann, nach dem eingangs
Ausgeführten, die Frage, ob er dies guten Willens oder in bösartiger
Absicht getan hat, außen vor bleiben. Letztlich kommt es vor
allem darauf an, was er tatsächlich gesagt und geschrieben hat
und was so seine Auswirkungen zeigen konnte.[99] Nebenbei sei aber (1.) noch
auch gegenüber Vogels, der diesen Punkt in der Diskussion anlässlich
des Galotzitates und seiner Übertragung ins Deutsche so wichtig
genommen hat zu Bedenken gegeben: Stellt es nicht einen
krassen Widerspruch dar, auf der einen Seite Karl Rahners Kenntnis
der Tradition seit den Kirchenvätern[100] sowie seinen überragenden Verstand
zu preisen, auf der anderen aber anzunehmen, die schweren
Abweichungen von der katholischen Doktrin in wesentlichen Fragen
seien ihm sozusagen gutwillig und in der Meinung damit eben
diesen Glauben korrekt wiederzugeben und spekulativ zu entfalten
unterlaufen?
(2.) sei noch am Rande erwähnt, dass es durchaus auch ernst zu nehmende Rahnerinterpreten gibt, die auch den guten Willen Rahners bezweifeln. So schreibt der bekannte Gelehrte Theo Weber-Arm im Anschluss an Kardinal Siri und Malachi Martin: Rahners destruktive Strebungen richteten sich nicht nur auf die nach ihm wichtige Bekämpfung (und Verfälschung) des Thomismus, sondern in weit größerer Breite und Zielstrebigkeit darauf, alles Gültige in Kirche und Glaube aus den Angeln zu heben; sie hatten die Deformierung, wenn nicht geradezu Demontage der bisherigen Lehren betr. sowohl die zentrale Wahrheit der Trinität, die Person und Botschaft Christi und der Offenbarung als auch der Sakramente und Grundlagen der moralischen und spirituellen Ordnung bis hin zur päpstlichen Autorität und Unfehlbarkeit zum Gegenstand.[101]
Unabhängig davon jedoch stellt sich unausweichlich die Frage, ob nicht die Zeit gekommen ist, dass sich jene Institution, die in der katholischen Kirche mit der Reinerhaltung des Glaubens betraut ist, noch einmal einer bislang anscheinend ausgebliebenen, tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Lehre Karl Rahners annimmt. Nochmals sei es in diesem Zusammenhang unterstrichen: Dabei geht es nicht um ein Urteil über die Person Rahners und ist insofern die umstrittene Tatsache, ob er es gut gemeint hat, nicht relevant, es geht allein um seine Schriften (also jenen Punkt, den wir unter 3 behandelt haben). Freilich wird man die Vita Rahners, wie wir sie mit Hilfe der neueren Studien heute besser als jemals rekonstruieren können, dort nicht aus dem Auge verlieren dürfen, wo dieser mehr oder weniger unkritisch zum neuen Kirchenlehrer hochstilisiert wird.
War jemals ein Zeitpunkt für die genannte amtliche Relecture so sehr geeignet wie der jetzige, an dem einer der besten Kenner des Rahnerschen Denkens und seiner schweren Sprache der dafür zuständigen Kongregation vorsteht? Und wäre dies, gerade wegen der für diesen Fall anzunehmenden Proteste und Drohungen, nicht ein großartiges Zeichen jener selbstlosen intellektuellen Nächstenliebe, die doch deren ureigner Auftrag ist?
Adresse des Autors:
Dr. David Berger, Hochstadenstr.
28, D - 50674 Köln
www.doctor-angelicus.de; davidbergerk@aol.com
[1] Cf. David Berger, Natur und Gnade, Regensburg 1998, 253-320; Ratio fidei fundamenta demonstrat. Fundamentaltheologisches Denken zwischen 1870 und 1960, in: Hubert Wolf (Hg.), Die katholisch-theologischen Disziplinen in Deutschland 1870-1962, Paderborn 1999, 95-128; Karl Rahners Gnadenlehre als Vermittlungsversuch zwischen Thomismus und Molinismus, in: Antonianum 75 (2000) 83-116; War Karl Rahner Thomist? Überlegungen anhand der Rahnerschen Gnadenlehre, in: Divinitas 43 (2000) 155-199.
[2] Zur Philosophie Karl Rahners vgl. neben den älteren Arbeiten von Cornelio Fabro, Bernhard Lakebrink, Florent Gaboriau u.a. (vgl. die in meinem Buch Thomismus, Köln 2001, 54-58, besprochene Literatur!) die neuere Studie von: Walter Hoeres, Wesenseinsicht und Transzendentalphilosophie. Thomas von Aquin zwischen Rahner und Kant, Siegburg 2001.
[3] DT 4. 06.2001, 12; Georg Muschalek, Ketzerjagd auf niedrigem Niveau, in: DT 6.06.2002, 12.
[4] Ibid.
[5] Hubertus Brandenburg, Eine neue Sprache gefunden, in: DT 04.06.2002, 12.
[6] Der Kleine Katechismus ist bekanntlich eine Erfindung Luthers (1529). Eine falsche Anhänglichkeit an Luther wird aber selbst Muschalek den Kritikern Rahners, die u.a. auch dessen gefährliche Nähe zum Denken Luthers gezeigt haben (Theobald Beer), nicht unterstellen wollen!
[7] Hermann J. Vogt, Die Geister, die herumrahnern, in: DT 25.05.2002, 16.
[8] Es gehört zum Standardrepertoire der Rahnerapologeten den Kritikern Rahners die Wissenschaftlichkeit abzusprechen: Vgl. etwa Herbert Vorgrimler, Rahner-Literatur rund um das Gedenkjahr 1994, in: Theologische Revue 91 (1995) 118, der bemerkt der bekannte Kirchenhistoriker Hubert Wolf hätte mit seiner kritischen Rahneredition, auf die noch zu sprechen sein kommen wird, bei ihm kein Seminar bestanden!!
[9] Cf. dazu meinen Beitrag: Karl Rahner - Das Ende eines Mythos und seine Apologeten, in: UVK 28 (1998) 67-91.
[10] Muschalek, Geister, die herumrahnern, 16.
[11] So in einem Beitrag für das Münsteraner Internetforum für Theologie und Kirche vom 11.02.04.
[12] Pohle-Gummersbach, Lehrbuch der Dogmatik, I, Paderborn 101952, 88.
[13] Cf. Raimondo Spiazzi, Parallelismo
tra lEnciclica Aeterni Partis e la Lettera
Lumen Ecclesiae di Paolo VI., in: Studi
tomistici 10 (1981) 148.
[14] Cf. ibid.: Rahner, filosofo e
teologo dilettante quale da se stesso si è definito
diventato il nuovo princeps theologorum
[15] Johann B. Metz, Den Glauben lernen und lehren. Dank an Karl Rahner, München 1984, 13.
[16] Herbert Vorgrimler, Karl Rahner verstehen. Eine Einführung in sein Leben und Denken, Freiburg/Breisgau 1985, 7.
[17] Johannes Flury, Um die Redlichkeit des Glaubens, Freiburg/Schweiz 1979, 277.
[18] Horst G. Pöhlmann, Gottesdenker, Reinbek 1984, 254.
[19] Cf. dazu Charles-René Billuart, Summa
Sancti Thomae, Ed. Letouzey & Ané, Paris o.J., Bd.III,
259 : « Haeresis est error pertinax fidei manifeste
contrarius in eo qui fidem Christi in veritate professus est. »
[20] Ibid., 261: Haeresis
materialis est error hominis baptizati contra veritatem fidei ex
ignorantia et sua pertinacia.
[21] Matthias J. Scheeben, Handbuch der Dogmatik, Bd. I: Theologische Erkenntnislehre, § 771; Gesammelte Schriften III, S.346.
[22] CIC 1917 can.16 § 2.
[23] Pohle-Gummersbach, Dogmatik, 97.
[24] Brandenburg, Eine neue Sprache gefunden, 12. Das Ausrufezeichen stammt von Brandenburg selbst! Zuvor hat er geschrieben: Es geht mir nicht nur um Karl, sondern genauso um seinen Bruder Hugo Rahner ...
[25] Christoph Weber, Johannes Hessen (1889-1971). Ein Gelehrtenleben zwischen Modernismus und Linkskatholizismus, Frankfurt/Main 1994, 203.
[26] Karl-Heinz Neufeld, Die Brüder Rahner. Eine Biographie, Freiburg/Breisgau 1994, 97.
[27] Michael Schulz, Karl Rahner begegnen, Augsburg 2000, 24.
[28] Ibid., 27.
[29] Ibid., 30-31.
[30] Hubert Wolf (Hrsg.), Karl Rahner: Theologische und philosophische Zeitfragen im katholischen deutschen Raum (1943), Ostfildern 1994.
[31] ibd., 70-74.
[32] ibd., 73.
[33] Cf. dazu auch die brillanten Ausführungen von Heinz-Lothar Barth, Terminologisch nur schwer greifbar, in: DT 08.06.2002, 20.
[34] Cf. die spätere Schrift: Dogmatische Bemerkungen zur Jungfrauengeburt, in: K.S. Frank u.a. (Hrsg.), Zum Thema Jungfrauengeburt, Stuttgart 1970, 121-158. Am 13. Juni 1987 hat Frau Ranke-Heinemann in Südwest 3 erklärt, sie habe als sie die genannte Studie Rahners 1970 gelesen hat, von einer Sekunde zur anderen den Glauben an die Jungfräulichkeit Mariens verloren. Als sie sich dann mir Rahner darüber unterhalten hat, habe dieser sie in ihrer neu gefundenen Vorstellung eher ermutigt: Theo Weber-Arm, Falschen Propheten auf der Spur. Der Materialismus und sein Einfluss auf das Christentum, Abensberg 1994, 110.
[35] AAS 46 (1954) 666-677. Cf. G. Rheinbay, Das ordentliche Lehramt in der Kirche, Trier 1988, 146-147.
[36] Vorgrimler, Karl Rahner, 182
[37] Schulz, Karl Rahner, 42.
[38] Brandenburg, Eine neue Sprache gefunden, 12.
[39] Barth, Terminologisch nur schwer greifbar, 20.
[40] Schulz, Karl Rahner, 56.
[41] Ibid., 54.
[42] Cf. Theo Weber-Arm, Falschen Propheten auf der Spur, 120: Arrupe hat Rahner voll gedeckt und das Seinige dazu beigetragen, dass dieser seine oppositionellen Thesen ungefährdet unter die Theologen bringen konnte.
[43] Zu P. Dezza vgl. David Berger, Paolo Dezza. Jesuit, Kardinal und Thomist (1901-1999), in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XVIII (2001) 348-350.
[44] Schulz, Karl Rahner, 59. Die bereits erwähnte Ordensschwester, die in der DT (04.06.2002, 12) als Verteidigerin Rahners aufgetreten ist, hat völlig übersehen, dass der Satz, über den sie sich so entsetzt hat (Aussagen am Lehramt vorbei formulieren), von Rahner selbst als ein wichtiger Aspekt seines theologischen Arbeitens formuliert wurde!
[45] DH 4884. Zu der ungerechtfertigten Berufung auf Thomas: David Berger, Thomas von Aquin begegnen, Augsburg 2002, 71-73.
[46] Matthias J. Scheeben, Handbuch der Dogmatik, Bd. I: Theologische Erkenntnislehre, § 769; Gesammelte Schriften III, 345.
[47] Cf. Kirchliche Umschau 5-VI (2002) 4-6.
[48] Schulz, Karl Rahner, 61-62.
[49] Ibid., 66-68.
[50] Ibid., 67.
[51] Luise Rinser, Gratwanderung. Briefe der Freundschaft an K. Rahner: 1962-1984, München 1994, 369.
[52] Heinz-Jürgen Vogels, Rahner im Kreuzverhör. Das System Karl Rahners zu Ende gedacht, Bonn 2002.
[53] Theo Weber-Arm, Falschen Propheten auf der Spur, 102, bezeichnet Rahner deshalb als Machiavelli der Theologie.
[54] Karl Rahner, Der dreifaltige Gott als transzendenter Urgrund der Heilsgeschichte, in: Mysterium Salutis II (1967) 366; Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 3.
[55] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 3.
[56] Rahner, Grundkurs, 297.
[57] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 4. Ähnliche Bedenken hatten bereits vor vielen Jahren die bekannten Thomisten Adolf Hoffmann und Bernhard Lakebrink geltend gemacht: Adolf Hoffmann, Die Proexistenz Christi nach Thomas, in: Willehad Paul Eckert (Hrsg.), Thomas von Aquino, Mainz 1974, 158-169; Bernhard Lakebrink, Rahners idealistisches Zerrbild vom Dreifaltigen Gott, in: Theologisches 17 (1987) 10-22
[58] Vogt, Geister, die herumrahnern, 16.
[59] Rahner, Grundkurs, 216.
[60] Vogels, Rahner im Kreuzverhör , 10.
[61] Rahner, Jesus Christus, in: Sacramentum mundi II, 953.
[62] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 63.
[63] Wilhelm Schamoni, Scheffczyk contra Rahner, in: Theologisches 91 (1977) 2549-2551.
[64] Vogels, Rahner im Kreuzverhör , 19-21.
[65] Ibid. , 10.
[66] Rahner, Grundkurs, 142.
[67] Vogels, Rahner im Kreuzverhör , VI.
[68] Ibid. , 16-17.
[69] Thomas von Aquin, Summa theologiae Ia q.9 a.1; Summa contra gentiles l.I cap.16.
[70] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 12.
[71] Ibid., 13.
[72] Ibid., 13-14.
[73] In: Internationale Katholische Zeitschrift Communio 5 (1977) 443-450.
[74] Cornelius Williams, Theological
Inverstigations, in: Thomist 25 (1962) 450.
[75] Kardinal Ratzinger hatte bereits 1978 bemerkt: Was mich mitten in Ernst und Größe von Rahners Denken immer wieder stört, ist die allzu schnelle Übernahme moderner Vorurteile gegenüber überlieferten Aussagen ...: Joseph Ratzinger, Vom Verstehen des Glaubens. Anmerkungen zu Rahners Grundkurs des Glaubens, in: Theologische Revue 74 (1978) 185.
[76] Rahner, Grundkurs, 279.
[77] Ibid., 283. Vgl. auch id., Jesus Christus, 949, wo er der kirchlichen Lehre von der hypostatischen Union eine Neigung zum Monotheletismus unterstellt!
[78] Cf. Thomas von Aquin, Summa theologiae, Ia q.1. Dazu: David Berger, Thomas von Aquin begegnen, Augsburg 2002, 88-94.
[79] Vogels, Rahner im Kreuzverhör , 15
[80] Rahner, Grundkurs, 212.
[81] Cf. auch: Jean-Hervé Nicolas, « Une théologie interrogative », in : Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie: « On est vraiment étonné de voir aboutir à des conclusions si particulières et si discutables une méthode théologique qui proclame, non sans quelque agressivité, vouloir partir de déclarations officielles de lEglise qui sont en théologie lalphga et lomega. » Bedauerlich ist, dass Vogels insgesamt die Sekundärliteratur zu Rahner tatsächlich zu wenig beachtet.
[82] Vogels, Rahner im Kreuzverhör , 16.
[83] Cf. dazu auch: Bernhard Lakebrink, Die Wahrheit in Bedrängnis, Stein am Rhein 1986, 32-37. Zu Lakebrink vgl. meinen Artikel: Bernhard Lakebrink (1904-1991). Katholischer Philosoph, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XIX (2001) 861-864.
[84] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 27-30. 71.
[85] Ibid., 31-33. 68-69.
[86] Rahner, Grundkurs, 198. Hervorhebung von Rahner selbst!
[87] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 71.
[88] Hans Küng, Menschwerdung Gottes. Eine Einführung in Hegels theologisches Denken als Prolegomena zu einer künftigen Christologie, Freiburg/Breisgau 1970, 481.
[89] Cf. David Berger (Hrsg.), Die Enzyklika Humani generis Papst Pius XII. Geschichte, Doktrin und Aktualität eines prophetischen Lehrschreibens, Köln 2001.
[90] AAS 42 (1950) 566.
[91] AAS 65 (1973) 403.
[92] Vogels, Rahner im Kreuzverhör , 71.
[93] Cf. dazu auch: David Berger, Natur und Gnade, Regensburg 1998, 253-322.
[94] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 39.
[95] Karl-Heinz Weger, Karl Rahner. Eine Einführung in sein theologisches Denken, Freiburg/Breisgau 1978, 99.
[96] Vogels, Rahner im Kreuzverhör, 70.
[97] Cf. die schönen Ausführungen des engelgleichen Lehrers zu den zwei Grundwahrheiten des christlichen Glaubens in seinem Compendium theologiae: Thomas von Aquin, Compendium theologiae, I, cap.2: Circa haec ergo duo tota fidei cognitio versatur: scilicet circa Divinitatem Trinitatis, et humanitatem Christi.
[98] Rahner, Häresiengeschichte, in: Sacramentum mundi II, 570.
[99] Cf. die guten, Prof. Vogt widerlegenden Ausführungen von Wilhelm Overhoff, Ursache sind nicht die kleinen Geister, in: DT 08.06.2002, 20.
[100] Vogt, Geister, die herumrahnern, 16.
[101] Theo Weber-Arm, Falschen Propheten auf der Spur, 105-106. Der Verf. muss gestehen, dass er dieses Urteil anfangs für völlig überzogen gehalten hat, je mehr er sich mit Rahner beschäftigt hat, umso mehr hat er erkannt, dass Weber-Arm im Wesentlichen mit seinem Urteil richtig liegt.