Dr. David Berger
Gentechnologie in ethischer Beurteilung
Die immer rascher anwachsenden Möglichkeiten der Gentechnologie haben die Notwendigkeit die grundsätzlichen Fragen über den Menschen erneut zu stellen, verschärft deutlich gemacht. Bei dem Versuch sie zu beantworten, wird zugleich deutlich, wie sehr die Naturwissenschaften auf die Philosophie und Theologie angewiesen sind. Ausgehend von dieser neuen, besonders von der Politik immer wieder gestellten Nachfrage nach ethischen Leitlinien, versucht Horst Seidl in seinem neuen Büchlein die Rolle, die die Ethik der klassischen Philosophie in diesem Gespräch spielen könnte, darzulegen. Dies ist besonders erfreulich, da in der gegenwärtigen bioethischen Diskussionen Skeptizismus und Empirismus fröhlich Urständ feiern: Ein Klima, in dem etwa die für die Diskussion richtungsweisende Vorstellung von der Seele keinen Platz hat.
Dabei möchte der Verfasser, entsprechend seiner in anderen Arbeiten immer wieder betonten dezidierten Trennung von Philosophie und Theologie, bewusst von religiösem Aspekten absehen, da die wichtigen Aspekte dessen, was der Mensch ist, uns nicht nur aus den religiösen besonders dem christlichen Glauben einsichtig sind, sondern schon aus einem natürlichen realistischen Bewusstsein von uns Menschen und der Natur. Stattdessen steht im Hintergrund seiner Überlegungen die von ihm so genannte aristotelisch-thomistische Philosophie: Sie geht nicht von Gott, sondern von den Erfahrungsdingen aus und ist realistisch, d.h. sie anerkennt den Vorrang des Realen vor unserem Erkennen, was bedeutet, dass die Dinge das Maß für das erkennende Subjekt sind, nicht umgekehrt, das erkennende Subjekt das Maß für die Dinge (wie nach Kants Kopernikanischer Wende).
In einem ersten Kapitel gibt Seidl einen gut verständlichen, sich vor allem auf Zeitungsartikel (FAZ, Spektrum der Wissenschaft; Badische Zeitung, Deutsche Tagespost) und Internetveröffentlichungen stützenden Überblick über die Möglichkeiten gentechnischer Eingriffe am menschlichen Embryo durch die Biowissenschaft. Eine Stellungnahme des Autors zu den biowissenschaftlichen Grundlagen, in der dieser vor allem den hier anzutreffenden defizienten Lebensbegriff kritisiert, schließt das erste Kapitel ab und leitet gleichzeitig zum nächsten großen Kapitel über. In diesem bemüht sich der Ethiker die Chancen ins Licht zu setzen, die die klassische Naturphilosophie im Hinblick auf die Überwindung der im ersten Kapitel klar benannten Aporien bietet: Nachdem die naturphilosophische Grundlage, mit der Frage nach der Lebens- und Zweckursache dargestellt wurde, werden die Einheit des Menschen aus Leib und Seele sowie die damit zusammenhängenden Fragen nach dem Beginn des menschlichen Lebens beim Embryo diskutiert.
Ein drittes und letztes, sehr umfangreiches Kapitel bringt dann die Zwecke der Bioethik in eine Zuordnung zur allgemeinen Ethik auf anthropologischer Grundlage, um dann auf dieser Basis zu aktuellen bioethischen Diskussionspunkten Stellung zu beziehen (Bundestagsdebatte zum Stammzellenimport, Zeit-Dokument Stammzellen, Berliner Werkstattgespräch, Mariazeller Gespräche usw.) Abgeschlossen wird das Bändchen mit der Darstellung dreier großer allgemein-ethischer Leitlinien: Unantastbarkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis an; Unversehrtheit des Erbgutes; Unerlaubtheit des Klonens.
Obgleich dieses Werk des in Rom tätigen Philosophen um Allgemeinverständlichkeit bemüht ist, stellt es eine anspruchsvolle Lektüre dar. Wie man auch einzelne dort vertretene Punkte oder die Vorgehensweise des Autors (etwa die starke Anlehnung an Sekundärliteratur, die Tageszeitungen oder Internetpublikationen entnommen ist) einschätzen mag, so ist der hier mutig angegangene Versuch, die klassische Naturphilosophie wieder in das aktuelle ethische Gespräch zurückzuholen, zudem unternommen von einem international anerkannten Fachmann für Philosophiegeschichte, rundheraus zu begrüßen.
Horst Seidl, Gentechnologie in ethischer Beurteilung, Verlag nova et vetera: Bonn 2003, 117 Seiten, ISBN 3-936741-28-X; Pb. 9,50 .