Thomas Wittstadt

„Diese kosmische Religion kennt keinen Erlöser“[1]

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Lehren von Pater Willigis Jäger (Teil 4)

C. Mögliche Folgen und Gefahren für die Kirche und den Einzelnen

Unter der Überschrift „Diese kosmische Religion kennt keinen Erlöser“ sind bereits drei Teile dieses Artikels erschienen.[2] Darin konnten wir aufzeigen, dass Willigis Jäger ein dem christlichen völlig entgegengesetztes Gottesbild entwirft, mit der zwangsläufigen Folge, dass auch die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Welt einer radikalen Veränderung unterworfen wird. Alles, so erfahren wir, sei Erscheinungsform des Göttlichen: Gott offenbare sich z.B. im Baum als Baum, im Tier als Tier, im Menschen als Mensch, im Gras als Gras (siehe 1. Artikel, Kap. A) „und wenn es Engel und Teufel gibt, dann im Engel als Engel und im Teufel als Teufel.“[3] Auch das Böse wird nach seiner Theorie zum Bestandteil Gottes und der Teufel wird zum psychischen Komplex, den auch Jesus gehabt hätte (siehe 1. Artikel, Kap. A 2.2). Die Folgen, dieses veränderten Gottesbildes lassen nicht lange auf sich warten: Der Glaube an den dreifaltigen Gott zerbricht und die Menschen, die sich von Willigis Jäger zur „Mystik“ führen lassen, können nicht mehr beten, da sie nicht mehr an einen personalen, ansprechbaren Gott glauben können (siehe 1. Artikel, Kap. A 3.2).

Erschreckend und von einem Großteil seiner Anhängerschaft, von Kursteilnehmern und den Medien anscheinend nicht realisiert, sind die von uns aufgezeigten Aussagen von Willigis Jäger bzgl. Drogen (siehe 1. Artikel, Kap. A 3.4). So hatten wir unter anderem daraufhin gewiesen, dass er an einer Stelle ausführt, dass es Menschen gäbe, „die mit durchaus ernsten und religiösen Gründen Drogen konsumieren“[4] würden. Die dabei gemachten Erfahrungen würden sie über das Alltagsbewusstsein hinausführen. Wenn sie einen spirituellen Begleiter hätten, könne eine solche Erfahrung hilfreich sein.[5] Hier wird unserer Ansicht nach Drogenerfahrung gut geheißen, um eine vermeintlich höhere Bewusstseinsebene zu erreichen. Es wird lediglich eine Einschränkung gemacht: Es dürfe nicht nur ein „Trip“ sein, sonst fehle das, was die Mystik Reinigungsprozess nenne. Der lange Weg in der Mystik verwandle den Menschen von Grund auf, diese Verwandlung sei bei Drogenerfahrung meist nicht gegeben.[6]

Wir warnten und warnen davor, dass bei denjenigen, die auf solche Aussagen von Willigis Jäger stoßen, letztlich der Eindruck entstehen kann, dass eine Drogenerfahrung bei spiritueller Begleitung hilfreich sein kann. Solche Aussagen sind unverantwortlich und können dazu beitragen, die Hemmschwelle zu Drogenexperimenten zu reduzieren. Was aber wundern wir uns? Auch diese Aussagen sind Folgen des von Pater Willigis entworfenen Gottesbildes und der geglaubten Gotteserfahrung. Läuft doch das Ziel aller Bestrebungen bei dieser kosmischen Religiosität bzw. Spiritualität darauf hinaus, einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen, in dem wir die Einheit mit „Gott“ erfahren könnten. Das sei dann „Gotteserfahrung“.

Wir haben weiterhin aufzeigen können, dass es eine seiner großen Anliegen ist, diejenige Theologie, die im Einklang mit der Lehre der Kirche steht und die er als „Erlösungstheologie“ bezeichnet, durch die von ihm entworfene „Evolutionstheologie“ zu ersetzen. (siehe 2. Artikel, Kap. B 3.2). Es sei eine Theologie, in der die Religion stets dem jeweiligen Evolutionsstand der Menschheit angepasst würde, wobei er meint, die Evolution an der jeweiligen Bewusstseinsentwicklung des Menschen festmachen zu können. In der konkreten Realisierung bedeutet dies: Willigis Jäger will wegführen von einer Theologie, die Jesus Christus als Sohn Gottes und seinen Tod am Kreuz als Erlösungstat erkennt und verkündet, er will hin zu einer „Evolutionstheologie“, die erklärtermaßen meint, keinen Erlöser zu brauchen. Die Evolutionstheologie wird dabei als identisch mit der transkonfessionellen Spiritualität bzw. kosmischen Religion verstanden (siehe Kap. C 1.9). Der Widerspruch zum christlichen Glauben ist eindeutig und ließ sich in allen 3 Artikeln nachdrücklich belegen.

„Transformation statt Reformation“ war ein wichtiges Schlagwort des 3. Artikels, in dem wir aufzeigen konnten, dass die von ihm vorgenommenen Umdeutungen durchaus ein Ziel verfolgen. Willigis bekennt freimütig, dass eine Reformation letztlich nur das „alte System“ stabilisiere. Zudem könnten solche Versuche leicht durch Exkommunikation und Ausscheidung bekämpft werden. (siehe 3. Artikel, Kap. C 1.5). Das „Zauberwort“ ist für ihn die „Transformation des Christentums“, der er sich anscheinend ganz verschrieben hat. Im Gegensatz zur Reformation, wo man lediglich versuche das „alte System“ als solches zu reformieren und dies nur die Oberflächenstruktur betreffen würde, würde eine Transformation eine wesentlich wirkungsvollere Variante darstellen, weil sie die Tiefenstruktur verändern würde. Er verspricht sich davon anscheinend eine Destabilisierung des „alten Systems“ und damit letztlich einen leichteren Übergang zu einem „neuen System“. Eine wesentliche Rolle bei der Realisierung spielt dabei das Streben nach „mystischer Erfahrung“, wie sie im Rahmen der transkonfessionellen Spiritualität/kosmischen Religion eingeübt wird. Sie ist quasi die praktizierte Form der Evolutionstheologie, sie ist die Spiritualität, mit der die Transformation erreicht werden soll. Eine Religiosität, die nicht nur ein völlig verändertes Gottesbild als das Christentum hat, sondern auch von Auferstehung und Erlösung durch Jesus Christus nichts wissen will.

Im nun folgenden 4. Teil wollen wir unser Augenmerk darauf richten, welche Zielrichtung und welche Dimensionen diese Transformation annehmen kann und wie versucht wird, sie in der katholischen Kirche zu realisieren.

Angesichts der bisherigen Ausführungen ist sicher deutlich geworden, dass sich Willigis Jäger nicht nur gegen eine „Institution Kirche“, sondern gegen den christlichen Glauben überhaupt wendet, und ihn, nicht zuletzt dank seiner Umdeutungen und Neuinterpretationen quasi von innen aushöhlt und ihn in einem völlig anderen Sinne uminterpretiert. Die grundsätzliche Zerstörungskraft richtet sich gegen die christliche Religion, auch wenn er in Interviews immer wieder darauf verweist, wie verbunden er sich der katholischen Kirche fühle.[7] Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass er sich nicht nur gegen den christlichen Glauben, sondern oftmals gegen jegliche traditionelle Religion (in seinem Sprachgebrauch auch „Konfession“) wendet.

Dem aufmerksamen Leser ist diese Ausrichtung in Bezug auf andere Religionen bereits in den bisherigen Artikeln nicht entgangen. Um nur einige Aspekte zu nennen: Aus der mystischen Erfahrung wären die „Heiligen Schriften“ der jeweiligen Religionen entstanden (siehe 3. Artikel, Kap. C 1.2). Am Beginn jeder Religion seien visionäre Gründer gestanden, die in eine Einheitserfahrung führen wollten. Aus dieser Erfahrung der Weisen hätte man dann Religionen gemacht. Die Religionen haben den Weisen vergöttlicht (siehe 3. Artikel, Kap. C 1.3). „Auch die Religionen haben ihren intellektuell-dogmatischen Part zu transzendieren […].“[8] Religionen seien Modelle, die sich der jeweiligen Weltsicht anpassen müssten. Wenn wir über die theistische Vorstellung hinausgelangen, würden sich die Religionen ändern (siehe 1. Artikel, Kap. A 2.3). (Hervorhebung d. Verf.).

Wir müssen uns ebenso bewusst werden, dass Willigis Jäger nicht nur eine „Transformation des Christentums“[9], sondern generell eine „Transformation der Religion“[10] für notwendig erachtet und diese schließt alle (traditionellen) Religionen mit ein. Die Notwendigkeit der Transformation glaubt er vor allem, aber eben nicht nur, für die „theistischen Religionen“[11] zu erkennen, womit er diejenigen Religionen meint, die Gott noch personal als einen Schöpfer und Lenker der Welt verstehen. Dies würde sich wohl mit seiner evolutionstheologischen Spiritualität (Religiosität) auch nicht in Einklang bringen lassen. Eine Religion müsse daher, so Pater Willigis, „offen sein für die Transformation“[12], er weiß sich dabei mit dem New Age-Theoretiker Ken Wilber einer Meinung.[13] Die Transformation der Religion(en) soll realisiert werden in der transkonfessionellen Spiritualität, deren Charakteristikum unter anderem darin zu sehen ist: Der religiöse Mensch „übersteigt sein Glaubensbekenntnis“[14], ebenso wie „die rein kognitive[n] Glaubenswahrheiten“[15]. Im Zuge einer solchen „Neuen Religiosität“ würden „sich auch die Religionen verwandeln und in diesem Transformationsprozeß den Geist neu erfahren“[16], so Willigis Jäger. Die Ausformungen einer solchen „Glaubensumwandlung“, (einer „Wandlung des religiösen Bewusstseins“) haben wir bereits mehrfach aufzeigen können. Es fragt sich allerdings, welcher Geist hier gemeint ist. Der Heilige Geist ist es mit Sicherheit nicht. Er kommt in der kosmischen Spiritualität nicht vor.

Diese Erkenntnis weitet den Horizont seiner Bestrebungen und unseren Erkenntnishorizont beträchtlich, so dass wir zu dem Punkt gelangen, genauer hinterfragen zu müssen, was denn dann das eigentliche Ziel einer jeden Religion bei Pater Willigis ist, wo uns dieses Ziel hinführen würde und was die Folgen für die Kirche sein würden.

1.6. Das Ziel einer jeden Religion bei Willigis Jäger

Wenn Willigis Jäger davon spricht, dass die Religionen ihren dogmatischen Part transzendieren und damit letztlich ihre Glaubensgrundlagen hinter sich lassen müssten, dann stellt sich natürlich die Frage nach dem Sinn und Zweck einer Religion. Grundsätzlich kann man sagen, dass es bei ihm nicht mehr um eine Gottesverehrung oder um eine Orientierung und Ausrichtung an Gott und seinem Willen geht. Als Alternative will er den Religionen eine neue Aufgabe zuweisen, nämlich „den Menschen in die Erfahrung des transpersonalen Göttlichen zu führen.“[17]. Hier zeigt sich klar das diametrale Wirken, das auch darin zum Ausdruck kommt, dass er sich nicht scheut, dazu aufzurufen, Dogmen hinter sich zu lassen[18]. Aus der Sicht des Christentums kann man dazu sagen, dass Dogmen aber nun mal nicht schal gewordene Ansichten altgewordener oder längst verstorbener Priester sind, sondern die Grundfesten des christlichen Glaubens. Dogmen sind „Lichter auf unserem Glaubensweg, sie erhellen und sichern ihn.“[19] Wer diese beseitigt, landet im Irrtum. Leider beabsichtigt Willigis Jäger auch nicht zu einem tieferen Verständnis der Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche zu führen. Stattdessen liegt für ihn das Ziel jeder Religion (und damit auch des Christentums), jeglicher Religiosität oder Spiritualität, in der Realisierung einer vermeintlichen Einheitserfahrung mit dem, was er „Erste“, „Letzte“ oder auch „Universale Wirklichkeit“ nennt.[20] Religion ist für ihn lediglich die „Erfahrung des göttlichen Prinzips im Hier und Jetzt.“[21] Diese (Einheits-)Erfahrung deutet er auch als „Einssein mit Gott“[22]. Damit kann Gott im christlichen Sinne natürlich nicht gemeint sein, das zeigt sich ausdrücklich darin, dass eine der Folgen davon wäre, „so alt sein wie Gott, d.h. zeitloses Leben sein.“[23]. Dies zeigt uns, dass Willigis Jäger versucht, die sakramentale Einheit mit Gott, die wir im katholischen Glauben haben, durch eine meditative („Einheits-)Erfahrung“ zu ersetzen. Der Gott aber, an den wir Christen glauben und den wir Vater nennen, kann es nicht sein, denn bei Willigis Jäger ist Gott keine Person, sondern eine unpersönliche Energie[24]. Wir würden also mit einem Energiestrom so etwas wie „Einheit“ erfahren. Die Menschen werden also weder zu Gott noch zu den Sakramenten geführt, in denen sich der wahrhaftige Gott uns schenken will. Sie werden folglich von Gott und seiner Kirche weggeführt, zu einer billigen Ersatzlösung, in der nicht Gott, sondern nur der selbstgestrickte Irrtum zu finden ist.

Willigis Jäger setzt seinen Weg aber unbeirrt fort: Religionen seien Wege, die dem Menschen helfen sollten, sein „wahres Wesen“[25], seine „göttliche Natur“[26] zu erfahren. Unser wahres bzw. tiefstes Wesen wäre „das Göttliche in uns und in allem was existiert“[27]. Das gelte es zu erfahren.

Die Kernfrage seiner eigenen Überlegungen‚ ob der Mensch noch Religion bräuchte, beantwortet er mit: „Der Mensch ist Religion.“[28] Wie kommt er zu dieser Aussage und bedenken wir einmal kurz die Auswirkungen. Nun, wenn Religion die Suche nach einer Einheitserfahrung mit „Gott“ ist und Willigis Jäger das wahre Wesen des Menschen für göttlich hält, dann wird der Blick des Menschen vom wahren Gott abgelenkt und auf sich selbst gerichtet auf seinen vermeintlich „göttlichen Kern“. Der Mensch wird sich so selbst zur Religion (Selbst-Verwirklichung!). Es kommt also nur darauf an, im hier und jetzt da zu sein[29], sozusagen gut zu leben, denn das Göttliche scheine „in den einfachen Dingen und Ereignissen des Lebens auf, im Hier und Jetzt des Alltags [...].“[30] Kein Wunder, wenn Willigis Jäger zu der Ansicht kommt, im Rollerskating oder Paragliding stecke genauso viel Religiosität wie in einem Gottesdienst. Gott wolle nicht verehrt, er wolle gelebt werden.[31] Das Leben sei die eigentliche Religion.[32] Auf diese Weise werden die Menschen vom einzig wahren Gott, vom dreifaltigen Gott weggeführt. Infolgedessen beten sie Gott nicht mehr an, sondern wollen das vermeintlich Göttliche in sich verwirklichen.

Dies sind die Folgen einer solchen Philosophie, eines solchen Denkens. Ein schauderhafter Irrweg, wenn der Mensch sich vom personalen Gott ab- und sich selbst zuwendet, in stundenlangen gegenstandslosen Meditationen um sich selbst oder um das „Nichts“ kreist, um eine vermeintliche „Gotteserfahrung“ zu machen, wo Gott kein personales Gegenüber, kein „Du“ mehr ist, so dass man letztendlich nicht mehr von Gott sprechen kann. Der Mensch beginnt die irgendwann eintretenden Bewusstseinsveränderungen (-irritationen) für vermeintlich mystische „Gotteserfahrungen“ zu halten, die aber keine sind. Die Zeugnisse und Erfahrungsberichte von Kursteilnehmern, von Willigis Jäger selbst veröffentlicht, legen ein bedrückendes Zeugnis davon ab, wie wir in einem späteren Artikel noch sehen werden.

1.7 Dieselbe Wahrheit sei in allen Religionen zu finden

Die verschiedenen Religionen seien sich in ihrem Ziel wohl einig, meint Willigis Jäger[33]: „Die Wahrheit, die allen gemeinsam ist, liegt im Herzen jeder Religion.“[34] Man stoße bei allen Religionen, wenn man tief genug vordringe, „auf dieselbe Wahrheit“[35]. Die Religionen würden sich nur durch die Wege zu dieser Wahrheit und in dem Versuch dieselbe zu benennen, unterscheiden.[36] Erinnern wir uns daran, dass Willigis Jäger unter Wahrheit nicht die Wahrheit des christlichen Glaubens versteht, die Jesus Christus ist[37], sondern die Erfahrung des Menschen von seiner vermeintlich göttlichen Natur. Ein Weg, welcher der Wahrheit wiederum diametral entgegengesetzt ist.

In allen Kulturen und Religionen hätten, so Willigis Jäger, weise Menschen Möglichkeiten gefunden, diesen Weg zur Wahrheit, den Weg der „Transzendenz als Weltimmanenz“[38] (Hervorhebung d. Verf.) zu erfahren. Auf diese Weise seien die mystischen Erkenntniswege entstanden, die sich in allen Religionen finden würden: Im Hinduismus seien es „die verschiedenen Formen des höheren Yoga, im Buddhismus Vipassana, Zen und das tibetische Dzogschen, im Islam der Sufismus, im Judentum Kabbala und im Christentum Kontemplation und Mystik.“[39]

Es ist also ein zentraler Wesenszug dieser transkonfessionellen Spiritualität (oder kosmischen Religion), dass sie sich nach Willigis Jäger mit „der traditionellen mystischen Spiritualität aller Religionen deckt.“[40] (Hervorhebung d. Verf.). Es ist also seiner Ansicht nach prinzipiell völlig gleichgültig, auf welchen dieser „mystischen“ Erfahrungswege wir uns begeben, denn sie alle würden zur Einheitserfahrung mit der „Ersten Wirklichkeit“ führen, was an anderer Stelle als Erfahrung der „Identität mit dem All“,[41] mit dem „alles durchdringenden Weltgeist“[42], oder als „Erfahrung des Göttlichen“[43] benannt wird. Die „Erste Wirklichkeit“ würde von den einzelnen Religionen nur unterschiedlich benannt, sei es „das Absolute, die Gottheit, das Tao, Sunyata, Nirwana.“[44]

Wir erkennen daran zweierlei: Zum einen werden diese „mystischen Erkennntniswege“ alle vor dem Hintergrund der „Transzendenz als Weltimmanenz“ gesehen, auch die christliche Kontemplation und die christliche Mystik, auf die er sich stets beruft. Hier ist der Widerspruch offensichtlich und ebenso die anscheinend bewusst missbräuchliche Verwendung der Begriffe „Kontemplation“ und „Mystik“. Die christliche Kontemplation und Mystik, wie sie sich aus der Geschichte des Christentums ergeben und deren Interpretation durch Pater Willigis, unterscheiden sich wie Feuer und Wasser. Zum anderen wird deutlich, dass christliche Kontemplation und Mystik bei ihm völlig gleichwertige Erkenntniswege darstellen wie solche der anderen Religionen. Christliche Kontemplation und Mystik aber sind keine Erkenntniswege für Eingeweihte, sondern Gnadenwege, zu denen Gott wenige berufen hat.[45]

In diesem Kapitel konnten wir uns also davon überzeugen, dass Willigis Jäger die unterschiedlichen Religionen lediglich als verschiedene Wege zur ein und derselben Wahrheit deutet.[46]

1.8 Die transkonfessionelle Spiritualität würde zur Einheit der Religionen führen

Die Einheit der Religionen scheint für Willigis Jäger realisierbar zu sein. Sie komme aber nicht durch einen interkonfessionellen Vergleich bzw. interreligiösen Dialog zustande. Die Arbeit von Hans Küng hinsichtlich einer gemeinsamen Suche der Religionen nach einer für alle verbindlichen Werteordnung (= Weltethos) ist nach Willigis Jäger von größter Bedeutung[47], er sieht darin allerdings nur ein Zwischenstadium.[48] Sein Anliegen ist ein anderes.[49]

Für ihn sind, wie wir im vorigen Kapitel bereits aufgezeigt haben, alle Religionen „Wege zur Erfahrung des Göttlichen, aber keine von ihnen kann behaupten, den einzigen Zugang zu ihm zu besitzen.“[50]. Sie werden von Willigis Jäger auch als Glasfenster gedeutet, die nur unterschiedliche Aspekte der Ersten Wirklichkeit aufzeigen würden.[51] Sie würden den Aufstiegsrouten an einem Berg gleichen: „Man kann den ‚Berg Religion‘ von verschiedenen Seiten angehen. […] Am Ende aber treffen sie sich alle auf dem Gipfel.“[52] Religionen seien nur „verschiedene Wege zum gleichen Gipfel.“[53] Dort würden sie „die wahre Einheit“ [54] finden.

Das, was Willigis Jäger als „Erste Wirklichkeit“ oder auch als „transpersonales Bewußtsein“ bezeichnet, wäre „in den letzten Jahrtausenden im Westen Gott genannt“[55] worden. Eine solche Aussage kann zunächst durchaus den Eindruck der Gelehrsamkeit erwecken, doch bei genauerem Hinsehen wird sich diese Behauptung jedoch als völlig falsche Interpretation herausstellen. Wenn auch in der Philosophie Gott als das Erste Sein, die Erstursache allen Seins benannt wird, so entspricht dies aber auf keinem Fall dem, was Willigis Jäger als „Erste Wirklichkeit“ definiert (siehe Teil 1, Kap. A). Das, was seiner Interpretation nach darunter zu verstehen ist, ist weder in den letzten Jahrtausenden, noch im Westen „Gott“ genannt worden.

Dass er diesbezüglich selbst Zweifel hegt, zeigt sich daran, dass er an anderer Stelle davon spricht, man könne diese „Erste Wirklichkeit“ auch „Gott“ nennen, „oder was der Mensch dieser Urwirklichkeit auch an Namen zukommen lassen will.“[56] Darin wird ein erschütternder Umgang mit dem Namen Gottes deutlich. Willigis Jäger an anderer Stelle wörtlich: „Da wir einen Namen brauchen, wenn wir davon sprechen, nenne ich diesen Urgrund ‚Erste Wirklichkeit‘. Darunter verstehe ich keine Person, sondern jenen nicht beschreibbaren Hintergrund aller Religionen und spirituellen Wege. Aber man kann auch weiterhin Gott sagen, wenn das Wort so verstanden wird“[57] (Hervorhebung d. Verf.). Gott und sein Name – und das gilt auch für Willigis Jäger – ist aber nicht in das Belieben eines Menschen gestellt! Gott selbst ist es, der in uns im 2. Gebot darauf hinweist: „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren“[58]. Gott ist Person und hat einen Namen.

Einen solchen Brückenschlag benötigt Willigis Jäger  jedoch aus seiner Sicht, da er die „Erste Wirklichkeit“ als die Grundlage aller Menschen[59] und zugleich auch aller Religionen deuten will: „Es[60] [Hervorhebung d. Verf.] ist in jeder Religion als Quelle und eigentlicher Grund verborgen.“[61] Das ist für ihn der kleinste gemeinsame Nenner und somit der zwingend notwendige Ausgangspunkt, um eine Einheit der Religionen konstruieren zu können.

Denn es gäbe nur eine „Erste Wirklichkeit“, nur eine Wahrheit, nur einen Berg, auf den viele Wege führen. Wer auf diesen Berg steige, erfahre, was alle Religionen einen würde[62], so Willigis Jäger. Er würde erkennen, „dass alle spirituellen Wege der Religionen auf den gleichen Gipfel[63] führen“[64] (Hervorhebung d. Verf.). Die unterschiedlichen Wege würden sich nur aus den unterschiedlichen Kulturen, aus denen sie stammen, ergeben.[65]

Willigis Jäger trifft hier eine nicht unwesentliche Konkretisierung, die wir nicht übersehen dürfen. An dieser Stelle sind es nicht mehr die verschiedenen Religionen an sich, sondern die spirituellen Wege der Religionen, die zum gemeinsamen Gipfel führen würden. Die spirituellen Wege sind in seinem Sprachgebrauch die esoterischen Wege, also ausschließlich die Wege, die zu einer Erfahrung der „Ersten Wirklichkeit“, zur „mystischen Erfahrung“ führen würden. Auf der Stufe der („mystischen“) Erfahrung sind für ihn dann „alle Religionen eins“.[66] (Hervorhebung d. Verf.) Die folgende Abbildung kann uns helfen das bisher Erläuterte zu veranschaulichen und uns die Dimensionen seines Wirkens bewusst werden zu lassen.

 

Abbildung: Jäger, Willigis: Suche nach dem Sinn des Lebens, 1991, S. 72.

Sie ist in verschiedenen Büchern und Artikeln von Willigis Jäger zu finden.[67] Er verwendet sie, um zu erläutern, was er unter Esoterik und Exoterik versteht. Diese Unterscheidung ist auch für uns von Bedeutung. Nun, unter Exoterik verstehe er „eine Spiritualität, die ausschließlich auf Schriften, Dogmen Riten oder Symbolen beruht.“[68] Mit Esoterik dagegen meine er eine Spiritualität, „die auf Erfahrung zielt und in diesem Ziel auch den Sinn der Religion sieht.“[69] Nach seiner Ansicht werden die Religionen der Zukunft nicht so sehr „durch das, was sie bekennen, sondern durch ihre esoterische oder exoterische Spiritualität“[70] getrennt sein. Für ihn ist es aber wichtiger, dass die exoterische Religiosität[71] sich hin zur esoterischen Religiosität verlagern wird, was für ihn im Begriff „postkonfessionelle Religiosität“ zum Ausdruck komme.[72] Wir erkennen daran unschwer, dass er mit letzterem die transkonfessionelle Spiritualität meint, denn sie ist es ja, die den Menschen zur (Einheits-)Erfahrung führen soll[73]. Diese Art von Religiosität/Spiritualität, „die keinen personalen Gottesbegriff mehr kennt“[74] ist für ihn die Religiosität der Zukunft.

Betrachten wir die Abbildung etwas näher: Wir erkennen am Fuß der Darstellung die fünf Weltreligionen, ganz im exoterischen Bereich, wo also Dogmen, Riten usw. nach der Definition von Willigis Jäger vorherrschen würden. Wenn nun der Einzelne in seiner jeweiligen Religion den exoterischen Bereich immer mehr verlässt, d.h. Dogmen, Riten usw. haben für ihn immer weniger Bedeutung, gelangt er auf den eingezeichneten Linien nach oben. Er erreicht irgendwann die Grenze zwischen Exoterik und Esoterik (gestrichelte Linie) und kommt nun in den esoterischen Bereich. So wie die Darstellung zeigt, hat derjenige, der sich im esoterischen Bereich bewegt, den exoterischen Bereich hinter sich gelassen. Je mehr man im esoterischen Bereich nach oben strebt, um so näher kommen sich die einzelnen Linien, mithin diejenigen, die sich aus den verschiedenen Religionen auf den Weg vom exoterischen Bereich der Dogmen und Riten zum esoterischen Bereich der Erfahrung aufgemacht haben. Die einzelnen Religionen treffen sich mit ihrer esoterischen (im Verständnis von Willigis Jäger „mystischen“) Spiritualität letztlich an einem gemeinsamen Punkt, den wir aufgrund der vorherigen Deutung auch als „Gipfel“ verstehen können. Damit drückt diese Abbildung genau das aus, was wir von Willigis Jäger bereits in Kap. 1.7 hörten: „Die Wahrheit, die allen gemeinsam ist, liegt im Herzen jeder Religion.“[75] Es sei gleichgültig, auf welchen „mystischen“ (bzw. esoterischen) Erfahrungsweg in welcher Religion man sich begebe, sie alle würden auf den gleichen Gipfel, zur Einheitserfahrung führen. Auf der Stufe der „mystischen Erfahrung“, sozusagen dem Gipfel der Esoterik, sind für ihn alle Religionen eins. Da es erklärtes Ziel der transkonfessionellen Spiritualität ist, zur „mystischen“ Einheitserfahrung zu führen und sie sich mit der mystischen Spiritualität aller Religionen decken würde (siehe Kap. C 1.7), können sich problemlos Gläubige aller (spirituellen Wege der) Religionen in der transkonfessionellen Spiritualität wiederfinden. Es ist sozusagen eine religionsübergreifende Spiritualität, und von daher ist es auch verständlich, wenn Willigis Jäger ausführt, dass diese Religiosität von keiner bestimmten Konfession (Religion) allein in Anspruch genommen werden könne.[76]

Nachdem wir bereits wissen, dass Willigis Jäger bei einer Religion zwischen der Konfession und den mystischen Erfahrungswegen unterscheidet, müssen wir an dieser Stelle nochmals betonen, dass für ihn nur die „mystischen“ bzw. spirituellen (esoterischen) Wege zum vermeintlichen Gipfel führen. Die konfessionelle Seite, nach seiner Definition das, was das Glaubensbekenntnis einer Religion ausmacht, bleibt außen vor. Die Abbildung hat uns dies eindrücklich vor Augen geführt, die Bestätigung erhalten wir aber auch an anderen Stellen.

So wendet er sich zwar ausdrücklich gegen einen Synkretismus[77] und spricht sich auch dafür aus, daß alle Religionen bestehen bleiben sollen. Wir bräuchten die vielen verschiedenen „Glasfenster“.[78] Aber die Religionen dürften „ihre Ansichten nur nicht verabsolutieren. Sie sollen ihre Anhänger […] in die Erfahrung dessen führen, was ihre ‚Heiligen Schriften‘ verheißen. Aber sie sollen nicht versuchen, sie in der Konfession festzuhalten“[79], so Willigis Jäger. Denn erst „jenseits der Konfessionen [das heißt jenseits aller Glaubensüberzeugungen, d. Verf.] wird die ‚eine Wahrheit‘ erfahren, die von den einzelnen Religionen zwar verschieden benannt wird, aber letztlich die ‚eine Wahrheit‘ ist, die es am Ende nur geben kann.“[80] An einer anderen Stelle heißt es, dass diese Erfahrung der „Ersten Wirklichkeit“ jede Konfession transzendiert[81], das heißt jede Glaubensvorstellung, alle Dogmen hinter sich lässt. „Jeder mystische Weg [an dessen Ziel bei ihm stets die Einheitserfahrung stehen soll, d. Verf.] ist ein Weg heraus aus dem engen konfessionellen Religionsverständnis.“[82] Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wirkliche Religion beginnt für ihn erst „dort, wo das Glaubensbekenntnis aufhört.“[83] Die transkonfessionelle Spiritualität soll dies gewährleisten.

Die wahre Einheit der Religionen sei also nur in den spirituellen Wegen zu finden, von den Konfessionen, im Sinne von Glaubensbekenntnissen, wäre abzusehen. Das würde für die katholische Kirche konkret bedeuten: Die wahre Einheit der Religionen ist auch mit ihrer Beteiligung realisierbar, wenn sie sich darauf beschränken würde, was Willigis Jäger als „mystische Erfahrung“ definiert und sie zugleich von allem Festhalten an Glaubensbekenntnis und Dogmen absehen würde. Das aber wäre nichts anderes als die Auflösung des katholischen Glaubens mit tragischen Folgen für die Kirche. Eine solche „Religion“ taugt zu nichts mehr, sie hätte sich abgewandt von der Offenbarung Gottes und damit von Gott selbst, das „Salz“ hätte sich aufgelöst.

Hinter solchen sanften und verheißungsvollen Formulierungen, wie „jenseits der Konfessionen wird die eine Wahrheit erfahren“, „nicht versuchen die Gläubigen in der Konfession festzuhalten“, „diese Erfahrung transzendiert jede Konfession“, oder „heraus aus dem engen konfessionellen Religionsverständnis“ etc. wird die wahre Absicht verborgen, um eine offene Konfrontation und Sanktionen zu vermeiden. Hinter dem schönen Schein von Toleranz und gegenseitiger Achtung steckt in Wahrheit die planmäßige Auflösung jeglicher „traditioneller“ Religion und damit auch der katholischen Kirche auf sanfte Weise. In der transkonfessionellen Spiritualität können sich alle Religionen treffen, um letztlich überflüssig zu werden. In der „wahren Einheit der Religionen“ ist im Grunde deren Auflösung verborgen.

Die Bestätigung dafür liefert Willigis Jäger selbst: Auf dem Gipfel, „in der Erfahrung der Ersten Wirklichkeit, gibt es keine Religionen mehr, die vereint werden können – denn in ihr gibt es keine Differenzen. In ihr wird die Einheit mit dem Einen erlebt.“[84] (Hervorhebung d. Verf.) Dies könne zwar noch sehr lange dauern, aber Willigis Jäger ist davon überzeugt, dass sich die Religionen eines Tages dort treffen – „auf dem einen Gipfel der Wahrheit“[85]. Von vorneherein scheint daher nicht an eine direkte Konfrontation mit den bestehenden Religionen gedacht zu sein, sondern eher an einen sanften, fließenden Übergang. Man schart die ersten „Jünger“ um sich, bildet sie zu Zen- und Kontemplationslehrern aus (siehe Teil C, Kap. 1.9.1), sendet sie aus und lässt sie wie Sauerteig wirken. Je weniger Konfrontation, umso besser die Voraussetzungen, den Teig durchsäuern zu können. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang folgende Aussage: „Bis die Menschheit als Ganzes in die Erfahrensebene vordringt, braucht sie Religion.“[86] Es würde also für den Einzelnen, der sich entschließt Willigis Jäger auf seinem esoterischen Weg zu folgen, zunächst nicht einen Abschied von seiner bisherigen Religion bedeuten (zumindest nicht nach aussen erkennbar), „sondern nur ein Übersteigen des engen, dogmatischen Rahmens“[87]. Denn der Mensch, der zur Einheitserfahrung vorgedrungen sei und sein Glaubensbekenntnis transzendiert habe, habe doch „das Bedürfnis diese Wahrheit zu feiern und auszudrücken“[88]. Da böten sich dann „die traditionellen Formen der Religion an“[89], „denn der Mensch braucht ein Rahmenwerk, in dem er sich selber verstehen und ausdrücken kann.“[90] Die Religion wird auf diese Weise zum „Rahmen“, zur „Verpackung“, in der man sich rituell ausdrückt, inhaltlich wird die „traditionelle“ Religion völlig ihres Sinnes beraubt.

Zur besseren Übersicht wollen wir einige der bisherigen Aussagen und Schlussfolgerungen in diesem Kapitel zusammenfassen:

·      Alle spirituellen (esoterischen) Wege der Religionen führen auf den gleichen Gipfel. Auf dem Gipfel, auf der Stufe „mystischer“ Einheits-Erfahrung sind für Willigis Jäger alle Religionen eins.

·      Erklärtes Ziel der transkonfessionellen Spiritualität ist es, zur „mystischen“ Einheitserfahrung zu führen. Da sie sich mit der mystischen Spiritualität aller Religionen decken würde (siehe Kap. C 1.7), können sich problemlos Gläubige aller (spirituellen Wege der) Religionen in der transkonfessionellen Spiritualität wiederfinden.

·      Es wird angestrebt alle Menschen in diese Einheitserfahrung, zu dieser transkonfessionellen Spiritualität zu führen.

·      Solange noch nicht alle Menschen zu dieser Bewusstseinsebene vorgestossen sind, bräuchten sie Religion.

·      Wenn die ganze Menschheit (!) in die Einheitserfahrung vorgedrungen ist, wird keine (der traditionellen) Religion(en) mehr benötigt. Das heißt aber nicht, dass die transkonfessionelle Spiritualität/Religiosität (ggf. erst zu einem späteren Zeitpunkt) nicht auch als eine neue Religion, nämlich die „Kosmische Religion“[91] verstanden werden könnte. (siehe hierzu Kap. C 1.9)

Die Einheit der Religionen scheint somit in deren eigenen Auflösung und im Aufgehen in der transkonfessionellen Spiritualität zu bestehen. Wie schon erwähnt, könne die Einheit der Religionen in der transkonfessionellen Spiritualität verwirklicht werden. Sie wäre darin zu sehen, dass alle Religionen ihr jeweils spezifisches Glaubensbekenntnis (sofern sie eines haben) überschreiten und in der mystischen Einheitserfahrung einen gemeinsamen Nenner finden würden. Die transkonfessionelle Spiritualität scheint von Willigis Jäger als Instrument angesehen zu werden, die Einheit der Religionen verwirklichen zu können.

Wir haben bereits erfahren, dass der Weg zur Realisierung der Einheitserfahrung nur über eine Transformation (Veränderung) des Bewusstseins führt, zu einem neuen Bewusstsein. Aufgrund der obigen Ausführungen zur Einheit der Religionen verwundert es daher nicht mehr, wenn Pater Willigis davon spricht, dass es mit Hilfe dieser neuen Bewusstseinsebene[92] möglich sei, „eine globale Spiritualität zu entfalten, die nicht institutionalisiert ist […].“[93] An anderen Stellen wiederum scheint ihm die Zeit für eine „universelle Religiosität“[94] reif zu sein: „Die Sehnsucht nach Lebenssinn und Ganzheit und das zunehmende Bedürfnis nach universell-mystischer Überschreitung der Ich-Grenzen“[95] würden danach verlangen. Diese universelle Religiosität führe zur „transzendenten Einheit aller Religionen“[96] (Hervorhebungen d. Verf.).

Es wäre also die Erfahrung der „Ersten Wirklichkeit“, die „mystische Erfahrung“, die nach Pater Willigis die Einheit der Religionen bringt[97]. Damit haben wir einen charakteristischen Wesenszug der transkonfessionellen Spiritualität kennengelernt. Sie wird uns als globale Spiritualität/Religiosität angeboten und erhebt den Anspruch, die Einheit der Religionen herstellen zu können. Somit bietet sie sich, wenn auch nicht explizit, als Welteinheitsspiritualität/-religion an. Treffender muss man von der kosmischen Einheitsspiritualität/-religion sprechen, da der Anspruch von Willigis Jäger anscheinend über den Globus hinausgeht und den ganzen Kosmos umfasst (Hervorhebung d. Verf.). Die Bezeichnung „kosmische Religion“[98], die er ebenso dafür verwendet kommt also nicht von ungefähr:

Die Charakterisierung als „kosmisch“ hat anscheinend zwei unterschiedliche Beweggründe: Zum einen kommt darin das von ihm im Rahmen seiner Evolutionstheologie gedeutete kontinuierliche Erwachen des menschlichen Bewusstseins zum Ausdruck.[99] Die Evolution vollziehe sich „im kosmischen Rahmen von einem Vorbewußtsein über das personale Bewusstsein zum kosmischen Bewusstsein.“[100] Das kosmische Bewusstsein wäre eine neue Entwicklungsstufe[101], die letzte bzw. die höchste Bewusstseinsstufe.[102] Ein zweites kommt hinzu: Das kosmische Bewusstsein sei identisch mit der „mystischen Ebene.“[103] Auf dieser Ebene, erfahre man die „Einheit mit dem kosmischen Geschehen.“[104] Die Wirklichkeit, die der Mensch nun wahrnehme, erscheine „als Manifestation einer kosmischen, nicht benennbaren Wirklichkeit.[105] Wir würden in eine höhere Identität gelangen, in die Identität mit dem All.[106]

Willigis Jäger sieht seine Aussagen anscheinend nicht nur vor dem Hintergrund unserer Welt, sondern spricht von der Einheitserfahrung mit dem gesamten All. Der Mensch sei als Bewußtseinswesen ins Kosmische verwoben[107]. Das Bewusstsein liege allem kosmischen Geschehen zugrunde. Es sei unendlich und drücke sich in vielen Formen (Mensch, Tier, Baum, Pflanze, Engel, Teufel etc.; siehe hierzu Teil A, Kap. 1.1) aus.[108] Die transkonfessionelle Spiritualität will also nicht nur globaler/universeller Natur, sondern auch kosmischer Natur sein: Denn „wir sind sicher nicht die einzigen ihrer Existenz bewussten Wesen im Kosmos.“[109] Wir sollten uns im Klaren darüber sein, „dass es viele Lebewesen mit ganz anders organisiertem und auch Wesen mit einem viel umfassenderen Bewusstsein gibt, als wir Menschen es haben.“[110] Man muss sich schon fragen, wie Pater Willigis zu einer solchen Überzeugung kommt. Es mag geradezu fantastisch klingen, aber vor diesem Hintergrund, scheint er nicht nur eine Spiritualität/Religion für die Welt, sondern für den gesamten Kosmos anzubieten.

1.9. Die transkonfessionelle oder auch kosmische Spiritualität soll die Religiosität/Religion der Zukunft sein

Zum Schluss unseres dritten Artikels (Kap. C 1.5) hatten wir bereits angedeutet, dass die Begrifflichkeit bzgl. der von ihm entworfenen Spiritualität/Religiosität von ihm sehr unterschiedlich gehandhabt wird. So findet man des öfteren Stellen, an denen Willigis Jäger konkret zwischen Spiritualität und Religion/Konfession trennt.[111] So wird Religion von ihm „im Sinne von Bekenntnis zu einem bestimmten, festgeschriebenen Glauben, etwa christlich, buddhistisch, hinduistisch oder moslemisch“[112] definiert. Religion sei oft mit dem Anspruch auf Rechtgläubigkeit verbunden und erhebe den Anspruch auf Gewissheit und Einzigartigkeit.[113] Er spricht von Spiritualität/Religiosität, wenn er sich von der(n) bestehenden traditionellen Religion(en) und Konfession(en) abgrenzen will. Spiritualität/Religiosität wird von ihm als ein religiöser Weg verstanden, der zur Einheitserfahrung führen soll[114], Dogmen und Glaubensbekenntnis haben dabei ihren verbindlichen Charakter verloren.[115] Es stellt sich jedoch heraus, dass er diese begriffliche Trennung keineswegs konsequent durchhält, im Gegenteil. So stoßen wir auf die Tatsache, dass die „kosmische Religion“ zur „Religiosität der Zukunft“[116] erklärt wird, an anderer Stelle wird die „(transpersonale) kosmische Religiosität“ von ihm mit der „postkonfessionellen Religion“ als identisch definiert[117]. An zwei weiteren Schlüsselstellen, wo er sich erklärtermaßen von Jesus Christus als Erlöser abwendet, erfahren wir, dass die kosmische Religion keinen Erlöser kennt[118], an anderer Stelle wird sie unter Berücksichtigung des gleichen Sachverhaltes als kosmische Religiosität bezeichnet[119], die keinen Erlöser braucht. Kosmische Religiosität wiederum wird mit kosmischer Spiritualität gleichgesetzt.[120]

Wir können also feststellen, dass diese Spiritualität/Religiosität von Willigis Jäger durchaus auch als Religion verstanden werden kann. Unter Berücksichtigung seiner Aussagen, die wir in den vorherigen Kapiteln (1.7 und 1.8) aufzeigen konnten, ist es nach unserer Ansicht nicht auszuschließen, dass in diesem Sachverhalt zum Ausdruck kommt, dass nach seiner Meinung die Zeit kommen wird, wo die transkonfessionelle Spiritualität/Religiosität die bisherigen (traditionellen) Religionen ersetzt haben wird, um aber dann selbst zur Religion zu werden.

Wir hatten des weiteren im dritten Artikel darauf hingewiesen, dass diese Spiritualität/Religiosität bzw. Religion von ihm mit den verschiedenartigsten Attributen gekennzeichnet wird, sei es transkonfessionell, postkonfessionell, konfessionsfrei, kosmisch, transpersonal, transformativ[121] oder neuerdings auch integral[122]. Je nachdem, welchen Aspekt er betonen will, gibt es folglich die unterschiedlichsten Bezeichnungen, es ist jedoch stets dasselbe gemeint. Wenn Willigis Jäger von der transkonfessionellen Spiritualität spricht, so ist dies letztlich identisch mit dem, was er z.B. als postkonfessionelle oder kosmische Religiosität/Spiritualität, als integrale Spiritualität oder als kosmische Religion bezeichnet.[123] Es ist stets die Spiritualität/Religiosität bzw. Religion gemeint, die für eine Transformation des Christentums bzw. aller Religionen steht.

Wir wollen sie im Folgenden zusammenfassend charakterisieren. Die kosmische Religion, die also identisch mit der transkonfessionellen Spiritualität ist, ist für ihn die Religiosität der Zukunft.[124] Sie decke sich mit der mystischen Spiritualität aller Religionen.[125] Sie kennt keinen personalen Gott(esbegriff)[126], sie kennt[127] und braucht nach den Aussagen von Willigis Jäger auch keinen Erlöser.[128] Sie ist auf die „direkte Erfahrung der Ersten Wirklichkeit“[129] ausgerichtet und brauche dazu „nicht notwendigerweise eine Konfession oder eine Person, die den Kontakt mit der Ersten Wirklichkeit vermittelt.“[130] Damit wird die Ablehnung der Kirche und die Ablehnung Jesu Christi als Heiland und Erlöser klar zum Ausdruck gebracht. Sie ist scheinbar anti-dogmatisch[131] und erhebt einen globalen oder gar kosmischen Anspruch. Sie soll ein zeitgemäßer, spiritueller Weg sein, auch für diejenigen, die nicht getauft sind, die sich keiner Konfession (mehr) zurechnen.[132] Er bezeichnet sie auch als Evolutionstheologie[133], um sich von der Erlösungstheologie der Kirche abzugrenzen (siehe hierzu 2. Artikel, Kap. B 3). Die Evolutionstheologie, die kosmische Religiosität verkörpere ein neues Paradigma.[134] „Dieses neue Paradigma wird sich nicht nur auf den Dialog der Rassen, Religionen und Völker, sondern auch auf das Zusammenleben entscheidend auswirken.“[135]

Die transkonfessionelle Religiosität könne von keiner bestimmten Konfession (Religion) allein in Anspruch genommen werden.[136] Der Grund dafür ist wohl darin zu sehen, dass sie den Anspruch erhebt sich mit der „mystischen Spiritualität aller Religionen“ [137] zu decken. Sie hat quasi religionsübergreifenden Charakter. Wie wir im vorigen Kapitel (1.8) aufzeigen konnten, bietet sich die transkonfessionelle Spiritualität daher geradezu als (Welt-)Einheitsspiritualität an. Gleichzeitig zeigt sich darin ein Anspruchsdenken, das nicht nur den Anspruch erhebt, zur Einheit aller Religionen führen zu können, sondern über den religiösen Bereich hinausgeht. Die kosmische Religiosität zielt bewusst auf Veränderungen in Gesellschaft, Kultur und zwangsläufig auch in der Politik ab: „Eine solche Auffassung von Wirklichkeit – und es ist die Auffassung des zukünftigen Menschen – wird das religiöse und politische Weltbild transformieren und den Menschen verändern“[138], so Willigis Jäger ganz selbstbewusst. Wir haben es hier keineswegs mit einer „Hobby-Spiritualität“ zu tun, sondern mit der gezielten Implementierung einer Spiritualität, die anscheinend nicht nur eine Transformation des Christentums, sondern aller Religionen bewirken will, und damit nicht genug, Instrument sein will für Veränderungen in Gesellschaft, Kultur und Politik.

1.9.1 Der spirituelle Aufbruch geht von der Basis aus und wird in die kirchlichen Institutionen einsickern

Was ist notwendig, um diese „kosmische Religion“ zu realisieren? Neue Gläubige, Menschen mit einem neuen Bewusstsein. Erste Anzeichen dafür beschreibt Pater Willigis so: „Eine neue Spezies Mensch ist im Kommen. Sie ist noch nicht organisiert, sondern setzt sich vorläufig nur aus einzelnen zusammen, die sich keiner bestehenden Gruppe verpflichtet fühlen, auch keiner religiösen, es sei denn der ‚philosophia perennis‘[139], die der Gipfel aller Religionen war und ist. […] Diese Basisgruppen überschreiten auch heute alle rassischen, nationalen, ethnischen, religiösen und geschlechtsspezifischen Merkmale. Sie zeigen großes Interesse an psychologischen, spirituellen und religiösen Disziplinen, ohne sich an sie zu binden. […] Die Zahl der Menschen, jener unerkannten ‚Verschwörer‘ in den Basisgruppen aller Art ist immer noch sehr klein. Nach außen sind sie kaum erkennbar. Sie unterscheiden sich innerlich. Mit einem Bein stehen sie noch in der alten Epoche, mit dem anderen tasten sie neue Wege ab. Man findet sie in kleinen Gruppen. Sie machen keine Propaganda. Ihre Wirkung liegt in der Ansteckung. Ihr Kennzeichen ist eine starke und kompromißlose Liebe zum Kollektiv und zu Strukturen, die in höheren Bewußtseinsdimensionen verankert sind.“[140] „Durchbrüche zum kosmischen Bewusstsein“[141] würden sich nach seinen Erfahrungen häufiger als zuvor ereignen. Willigis Jäger schließt daraus, dass die „psychisch-geistige Evolution“[142] schneller vorankommt als gedacht: „Mitten unter uns vollzieht sich die Geburt des Neuen Menschen. Ihm gehört die Zukunft. Bleibt zu hoffen, dass die Christen ihre Stunde erkennen und sich eingliedern in die Reihe der Aufbrechenden.“[143]

Aber wohin führt er die Aufbrechenden? Führt er sie zu Jesus Christus, wie es seine Aufgabe als Priester wäre? Nein, stattdessen erfahren wir, dass wir die Gottheit Jesu überbetont hätten! Jesus Christus hätte unser Führer ins Reich Gottes sein wollen, wie er diese neue Epoche genannt hätte. Das Christentum würde seine wahre Mission nicht erfüllen, „solange wir eine unüberbrückbare Kluft zwischen Jesus und uns aufrichten.“[144] Und worin sieht Pater Willigis diese Kluft bestehen? „Solange wir ihn als Gott anbeten, werden wir ihm nicht als Führer folgen.“[145] Ein klarer Weg, der uns ganz offensichtlich von Jesus Christus wegführt - wir sollen ihn nicht anbeten! Jesus Christus habe uns gesagt, dass wir Kinder Gottes sind. Diese Kindschaft gelte es zu erfahren. Was Willigis Jäger dann für seine Zwecke dann so interpretiert: „das Göttliche in uns möchte zum Durchbruch kommen“[146]. Und dazu bräuchten wir (einen) spirituelle(n) Führer und Basisgruppe(n). Es ist also für jeden, der es erkennen will, erkennbar, wohin dieser Weg führt: weg von Jesus Christus und damit weg vom dreifaltigen Gott, hin zur Erkenntnis der eigenen Göttlichkeit. Weg von der Kirche, weg vom christlichen Glauben.

Die oben angeführten Zitate (belegt d. die Fußnoten 140-146) bezüglich der neuen Spezies Mensch und der Basisgruppen lassen sich bereits in der Erstauflage des zitierten Buches aus dem Jahr 1991 nachvollziehen. In einem seiner neueren Bücher („Die Welle